ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2014Hypothesenbeweis um jeden Preis?
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Die Frage nach Interessenkonflikten in Leitlinien ist wichtig. Beschuldigungen einer Beeinflussbarkeit und ihre Auswirkungen auf eine Leitlinie sollten jedoch nur mit höchster Sorgsamkeit vorgebracht werden. Leider weist die Untersuchung von Schott et al. (1) zu Interessenkonflikten schwere Mängel auf.

Der Vorwurf, dass Efalizumab gegenüber Etanercept in der S3-Leitlinie bevorzugt besprochen wurde, lässt sich mit einem Blick auf die von Schott et al. leider an keiner Stelle erwähnten unterschiedlichen Empfehlungsstärken von Efalizumab (↑) und Etanercept (↑↑) widerlegen. Hätte eine Beeinflussung vorgelegen, wäre das Medikament sicherlich nicht mit der schwächsten Empfehlungsstärke aller Biologika versehen worden.

Die britische „Health Technology Assessment“-basierte staatliche NICE-Guidance (NICE, National Institute of Health and Care Excellence) wird einer deutschen S3-Leitlinie gegenübergestellt. Unterschiede der Methodik werden ignoriert. NICE-Guidances entsprechen offiziellen Richtlinien und sind deutlich direktiver als deutsche Leitlinien, die oftmals bewusst mehr Entscheidungsfreiheit zulassen. Vorwürfe der Beeinflussbarkeit auf einen einseitigen Vergleich nicht vergleichbarer Arbeiten zu stützen, entspricht keiner guten wissenschaftlichen Praxis.

Positive Erwähnungen von Efalizumab in anderen Health Technology Assessments (HTAs)/Leitlinien (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information [DIMDI]): „schneller Wirkungseintritt“, British Association of Dermatologists´guideline („For patients with latent tuberculosis demyelinating disease Efalizumab should be considered first choice“) werden in der Diskussion nicht erwähnt (2, 3). Negativaussagen zu Efalizumab in der deutschen Leitlinie (zum Beispiel Rebound-Gefahr), ohne Entsprechung in der NICE-Guidance, werden nicht aufgelistet.

Die Behauptung in der Diskussion, dass an der NICE-Guidance „keine Experten mit Interessenkonflikten mitgearbeitet hätten“, ist falsch. (J. Baker/C. E. M. Griffiths): zahlreiche Interessenkonflikte) (4). Auch die Interessenkonflikte der britischen Experten hätten systematisch überprüft werden müssen, nicht nur die der deutschen.

Warum haben die Autoren die Leitliniengruppe nicht vorher kontaktiert und um Stellungnahme gebeten? Es wäre ein Leichtes gewesen, ihnen die Gründe für die vermeintlichen Unterschiede zur NICE-Guidance zu erklären. Wissenschaft wächst durch Diskurs. Dieser sollte jedoch auf sorgfältiger Recherche basieren.

Wir sind bereit und würden uns freuen, Schott et al. im persönlichen Gespräch vom Nichtzutreffen ihrer Hypothesen zu überzeugen.

DOI: 10.3238/arztebl.2014.0035a

Für die deutsche Psoriasisleitliniengruppe 2006:

PD Dr. med. Alexander Nast

AWMF-Leitlinienberater, Leiter der Division of Evidence Based Medicine, Klinik für
Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin

alexander.nast@charite.de

Prof. Dr. med. Berthold Rzany SC.M.

AWMF-Leitlinienberater, RZANY & HUND, Privatpraxis für Dermatologie und Ästhetische
Medizin, Berlin

Interessenkonflikt

PD Dr. Nast ist Erstautor der Psoriasisleitlinie. Zum Zeitpunkt der Publikation der Leitlinie 2006 bestanden keinerlei Interessenkonflikte. Seit Publikation der Leitlinie erhielt er Vortragshonorare der Firma Pfizer, dem jetzigen Hersteller von Etanercept sowie Studienunterstützung der Firma Wyeth (jetzt Pfizer). Ferner ist er Mitglied der AWMF-Arbeitsgruppe zum Thema Interessenkonflikte.

Prof. Rzany ist Koautor der Psoriasisleitlinie. Zum Zeitpunkt der Publikation der Leitlinie 2006 waren Beratertätigkeiten für die Firmen Serono und Wyeth (jetzt Pfizer) erfolgt.

Aktuell bestehen keine Interessenkonflikte.

1.
Schott G, Dünnweber C, Mühlbauer B, Niebling W, Pachl H, Ludwig WD: Does the pharmaceutical industry influence guidelines? Two examples from Germany. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(35–36): 575–83. VOLLTEXT
2.
Claes C, Kulp W, Greiner W, Graf von der Schulenburg JM, Werfel T: Therapie der mittelschweren und schweren Psoriasis. HTA-Bericht 34. http://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta129_bericht_de.pdf (last accessed on 27 September 2013).
3.
Smith CH, Anstey AV, Barker JN, et al.: British Association of Dermatologists guidelines for use of biological interventions in psoriasis 2005. Br J Dermatol 2005; 153: 486–97. CrossRef MEDLINE
4.
National Institute for Health and Care Excellence: Appraisals Committee Meeting: Minutes. http://guidance.nice.org.uk/TA103 (last accessed on 27 September 2013).
1.Schott G, Dünnweber C, Mühlbauer B, Niebling W, Pachl H, Ludwig WD: Does the pharmaceutical industry influence guidelines? Two examples from Germany. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(35–36): 575–83. VOLLTEXT
2.Claes C, Kulp W, Greiner W, Graf von der Schulenburg JM, Werfel T: Therapie der mittelschweren und schweren Psoriasis. HTA-Bericht 34. http://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta129_bericht_de.pdf (last accessed on 27 September 2013).
3.Smith CH, Anstey AV, Barker JN, et al.: British Association of Dermatologists guidelines for use of biological interventions in psoriasis 2005. Br J Dermatol 2005; 153: 486–97. CrossRef MEDLINE
4.National Institute for Health and Care Excellence: Appraisals Committee Meeting: Minutes. http://guidance.nice.org.uk/TA103 (last accessed on 27 September 2013).

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