ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2014Diabetes mellitus Typ 2: Forcierte Ausscheidung von Glukose

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Diabetes mellitus Typ 2: Forcierte Ausscheidung von Glukose

Dtsch Arztebl 2014; 111(3): A-91

Wiehl, Martin

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SGLT-2-Inhibitoren hemmen den renalen natriumabhängigen Glukosetransporter Typ 2 in den Nierentubuli. Als Nebeneffekt sinken Blutdruck und Gewicht.

Die Glukosurie zählt zu den prominenten Krankheitssymptomen eines Diabetes mellitus und zeigt in aller Regel einen entgleisten Zuckerstoffwechsel an. Ein neues Therapieprinzip schickt sich derzeit an, eben diese Zuckerausscheidung mit dem Urin in die Behandlung der chronischen Glukosestoffwechselstörung einzuführen. Dazu wird der Natrium-Glukose-Kotransporter-2 (SGLT-2 = Sodium-Glucose Cotransporter-2) im proximalen Tubulus der Niere gehemmt. Als erster Wirkstoff wurde 2012 Dapagliflozin zugelassen. Weitere SGLT-2-Inhibitoren, wie Canagliflozin, Empagliflozin, Ipragliflozin und Tofogliflozin, befinden sich in der fortgeschrittenen klinischen Prüfung.

Eine elegante Weise zur Senkung des Blutzuckers

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Leber und Nieren sind die Organe, die Glukose in die Zirkulation bringen können. So stammt etwa ein Fünftel der Glukose, die nachts während des Schlafes in den Blutkreislauf gelangt, aus den Nieren. Und bei Stoffwechselgesunden geht kein Zucker über den Urin verloren: Es bleiben etwa 180 g Glukose aus dem gesamten Plasmafiltrat von 180 l pro Tag dem gesunden menschlichen Organismus erhalten. Bei Typ-2-Diabetes jedoch ist SGLT-2 hochreguliert, was zu einem übermäßigen Rückbehalt der Plasmaglukose führt, die normalerweise ausgeschieden würde.

Auf der einen Seite ist die Glukosurie als Symptom eines Diabetes mellitus hinlänglich bekannt. Sie tritt auf, wenn infolge eines entgleisten Zuckerstoffwechsels die Glukosekonzentration im Urin die Nierenschwelle übersteigt. Auf der anderen Seite könnte aber eine bewusst herbeigeführte Zuckerausscheidung mit dem Urin nicht nur überflüssige Glukose, sondern auch den pathologisch erhöhten Rückbehalt der Glukose aus dem Plasmafiltrat reduzieren. Das würde auf elegante Weise zu einer Senkung des Blutzuckers beitragen. Denn dieser Mechanismus ist unabhängig von der Insulinwirkung und -ausschüttung durch die Betazellen der Bauchspeicheldrüse.

Auf der 49. Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes in Barcelona präsentierte Prof. Dr. Bernard Zinman, Toronto, gepoolte Daten aus vier Phase-III-Studien mit dem Wirkstoffkandidaten Empagliflozin. In diesen wurde der SGLT-2-Inhibitor bei insgesamt 2 477 Patienten entweder allein oder in verschiedenen Kombinationen mit anderen Antidiabetika über jeweils 24 Wochen versus Placebo getestet.

Am Ende ergaben sich folgende überwiegend positiven Ergebnisse für Empagliflozin in den Dosierungen 10 mg beziehungsweise 25 mg:

  • Der HbA1c wurde um 0,70 beziehungsweise 0,76 Prozent signifikant gesenkt, während er unter Placebo nur um 0,08 Prozent zurückging.
  • Das Körpergewicht wurde um 2,05 beziehungsweise 2,25 kg versus 0,24 kg unter Placebo reduziert.
  • Die Blutdruckwerte gingen um 3,9/1,8 respektive 4,3/2,0 mmHg versus 0,5/0,6 mmHg unter Placebo zurück.
  • Das LDL-Cholesterin stieg allerdings um 3,1 beziehungsweise 3,9 mg/dl versus 0,8 mg/dl an.
  • Aber auch das HDL-Cholesterin ging unter beiden Dosierungen um jeweils 2,7 mg/dl in die Höhe, während es unter Placebo unverändert blieb.
  • Die Triglyceride gingen um 9,7 beziehungsweise 1,8 mg/dl zurück und stiegen unter Placebo um 2,7 mg/dl.
  • Empagliflozin war gut verträglich; mehr als 90 Prozent der berichteten unerwünschten Ereignisse waren mild oder moderat.

Diese Ergebnisse hielt Zinman insbesondere vor dem Hintergrund für vielversprechend, dass SGLT-2-Inhibitoren unabhängig von der Betazellfunktion und einer bestehenden Insulinresistenz die Glukosespiegel senken können. Er begrüßte deshalb, dass in einer großen kardiovaskulären Outcome-Studie die langfristige Sicherheit von Empagliflozin geprüft wird.

Martin Wiehl

Pressekonferenz von Boehringer Ingelheim und Lilly „Evolution of Care – Managing Diabetes Today“ anlässlich der 49. Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes

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