POLITIK

Telemedizin: Bald ein Routinewerkzeug

Dtsch Arztebl 2014; 111(3): A-66 / B-60 / C-56

Krüger-Brand, Heike E.

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Foto: Fotolia/Franck Boston
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In nahezu allen Fachgebieten werden telemedizinische Methoden inzwischen angewandt. Nachholbedarf besteht allerdings noch bei der Integration in die medizinische Aus-, Weiter- und Fortbildung.

Telemedizin ist nach Meinung der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) kein eigenes Fachgebiet. Der Begriff sei vielmehr eine Art Sammelbecken für innovative Versorgungsmethoden, bei denen räumliche Distanzen zwischen Arzt und Patient mittels Informations- und Kommunikationstechnik überbrückt würden. Darauf verwies Dr. med. Johannes Schenkel vom Telematik-Dezernat der BÄK beim 38. Interdisziplinären Forum der Bundes­ärzte­kammer am 9. Januar in Berlin. Inzwischen werden telemedizinische Methoden in nahezu allen medizinischen Fachgebieten eingesetzt, auch wenn die Verbreitung teilweise stark variiert. Vorreiter sind vor allem die Radiologie, die Neurologie und die Kardiologie.

Telemedizin biete eine Reihe von Chancen und Herausforderungen, meinte Schenkel. Durch telemedizinische Verfahren könne eine qualitativ hochwertige Versorgung unabhängig vom Aufenthaltsort der Patienten angeboten werden. „Das ist ein Beitrag zur Versorgungsgerechtigkeit in unterversorgten Gebieten.“ Allerdings dürften telemedizinische Ansätze nicht als universale Lösungsstrategie für demografische Probleme überbewertet werden. Insbesondere sei es ein Irrglaube, dass Ärzte durch telemedizinische Methoden ersetzt werden könnten, erklärte Schenkel.

Hürden, die einer schnelleren Verbreitung entgegenstehen, sind die mangelnde Interoperabilität der Systeme, offene Rechtsfragen und fehlende Abrechnungsmöglichkeiten. In puncto Abrechnung scheint es aber Bewegung zu geben: „Derzeit sieht es so aus, als könnte die telemedizinische Überwachung von Herzschrittmacherpatienten demnächst als erste Position im Einheitlichen Bewertungsmaßstab aufgeführt werden“, sagte Schenkel.

In der Schlaganfallbehandlung in Bayern sind Telekonsildienste schon seit zehn Jahren Teil der Regelversorgung, berichtete Dr. med. Peter Müller-Barna, Oberarzt im Klinikum München-Harlaching. So trägt das Netzwerk TEMPiS erheblich zur Verbesserung der Schlaganfallversorgung im ländlichen Südostbayern bei, indem die Ärzte in der Region rund um die Uhr durch Spezialisten aus den Schlaganfallzentren des Klinikums Harlaching und der Universitätsklinik in Regensburg unterstützt werden.

Mittlerweile werden jährlich mehr als 7 000 Patienten in den teilnehmenden Satellitenkliniken behandelt und 4 500 Telekonsile durchgeführt. „Das TEMPiS-Konzept beinhaltet dabei nicht nur die telemedizinische Beratung, die im wöchentlichen Wechsel durch erfahrene Neurologen in Harlaching beziehungsweise Regensburg erfolgt. Es wurden darüber hinaus in allen angeschlossenen Kliniken spezialisierte Schlaganfallstationen aufgebaut und eine kontinuierliche Fortbildung für alle Teilnehmer eingerichtet“, erläuterte Müller-Barna.

Welche Qualifikationen sind notwendig, um telemedizinische Methoden anwenden zu können? Dr. med. Max Kaplan, Vizepräsident und Vorsitzender des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung der BÄK, wies darauf hin, dass Telemedizin in der universitären Ausbildung bislang nur vereinzelt im Rahmen von Vorlesungen in den jeweiligen Fächern unterrichtet wird. Ein Beispiel sei das Thema „Remote Patient Management“ bei Herzinsuffizienzpatienten in Kardiologie-Vorlesungen an der Charité.

In der Diskussion um die Reform der Weiterbildung ist Kaplan zufolge das Thema Telemedizin ebenfalls aktuell. Derzeit sei es nur in der Zusatzweiterbildung Medizinische Informatik abgebildet. „Aber damit ist das Thema nicht abgetan. Es ist notwendig, dass in den einzelnen Fachgebieten und Schwerpunkten telemedizinische Methoden vermittelt werden. Das findet momentan noch nicht statt“, meinte Kaplan. Ein eigenständiger „Facharzt für Telemedizin“ sei jedoch nicht erforderlich.

Durch das heterogene Anwendungsspektrum telemedizinischer Methoden erscheint auch in der Fortbildung grundsätzlich ein fachspezifischer Ansatz sinnvoll. Eine fachgebietsübergreifende Fortbildung bietet sich dagegen laut Kaplan an bei rechtlichen Fragen, etwa zu Datenschutz, Haftung und Berufsrecht, bei der Vermittlung von informationstechnischem Basiswissen sowie im Hinblick auf spezifische Anforderungen der Kommunikation, etwa bei Telekonsultationen oder Videokonferenzen.

Zu den rechtlichen Aspekten und für den Bereich des IT-Grundwissens werde die BÄK Informationsmaterialien erstellen und über ihre Homepage zugänglich machen, kündigte Kaplan an. Darüber hinaus habe man – zunächst für die Dauer von zwei Jahren – eine Arbeitsgruppe Telemedizin etabliert, die die Entwicklung aktiv begleiten soll.

Heike E. Krüger-Brand

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