ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2014Gesundheitsversorgung: Gegen die Unterordnung
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Dem Aufsatz vom Kollegen Prof. Dr. Dr. Thielscher ist voll zuzustimmen. Wenn Gesundheit das höchste Gut des Menschen ist, und der Mensch wiederum den höchsten Wert in unserer Gesellschaft hat, dann ist die strukturelle Überordnung „paramedizinsicherer“ Fächer wie Makro-, Mikroökonomik, Betriebswirtschaftslehre (BWL) und Managementlehre gegenüber der Medizin kontraindiziert. Außerdem: Die Rationalität der Wirtschaftswissenschaft ist entgegen der allgemeinen Vorstellung nur begrenzt gegeben. Beispielsweise hat die Makroökonomik als Volkswirtschaftslehre keine randomisierten kontrollierten Studien zur Verfügung, die ihre gesundheitspolitischen Empfehlungen empirisch validieren. Auch im Theoriebereich mangelt es an qualifizierten Systemanalysen . . .

Sehr zutreffend wird daher von Herrn Thielscher betont, dass sich auch kaum ein Arzt gegenüber der Ökonomie verweigert, sie ist aber nur Mittel zum Zweck. Beispielsweise ist die Aufgabe der Prozessqualitätssicherung in einem Krankenhaus eine interdisziplinäre Kernaufgabe für Ärzte und das gesamte medizinische Personal, das keinesfalls durch Instrumente und von Konzepten von BWLern aus der Industrie adäquat gelöst werden kann. Das Krankenhaus ist keine Gesundheitsfabrik. Völlig zutreffend ist daher, dass Organisationsentscheidungen in Gesundheitsbetrieben, seien es ärztliche Praxen oder Krankenhäuser, wieder Ärzten in die Hand gegeben werden müssen, die von Ökonomen unterstützt und kontrolliert, aber nicht dominiert werden. Dass diese Subdominanz der Ökonomie strukturell fixiert werden müsste, obliegt Trägern von Krankenhäusern ebenso wie Versicherungen. Nur auf diese Weise erscheint eine humane Medizin möglich. Die Aussichten auf eine Kursänderung in einer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft sind allerdings gering. Erfreulich sind jedoch Initiativen wie jene der Fachgesellschaft für Chirurgie, eigenständig „Medizinökonomie“ zu thematisieren. Dem sollten sich auch die Ärztekammern anschließen und Ärzte mit ökonomischer Zusatzqualifikation einbinden. Auch Kooperationen mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens, wie beispielsweise den Pflegewissenschaften, erscheinen weiterführend.

Literatur beim Verfasser

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Prof. Dr. med. Dr. rer. pol. Dr. phil. Felix Tretter,
Chefarzt des Kompetenzzentrums Sucht, kbo-Isar-Amper-Klinikum München Ost, 85540 Haar bei München

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