ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2014Case Management: Schlaganfall-Lotsen entlasten Ärzte

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Case Management: Schlaganfall-Lotsen entlasten Ärzte

Dtsch Arztebl 2014; 111(3): A-76 / B-70 / C-61

Manteuffel, Leonie von

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Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe hat ein Konzept für ein sektoren- übergreifendes Case Management entwickelt. Geschulte Lotsen helfen Patienten nach einem Schlaganfall, in die gewohnte Lebensumgebung zurückzukehren.

Der Entwicklung eines qualitätsgesicherten Case Managements (qCM) ging die Analyse umfassender Reviews zur Schlaganfallversorgung voraus. „Ein Kernproblem sind Versorgungseinbrüche an den Schnittstellen“, betonte Dr. sportwiss. Bettina Begerow von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe auf einer Veranstaltung im Rahmen der RehaCare Ende September in Düsseldorf. Die Referentin stellte das von der Stiftung mit Experten entwickelte Konzept und seine drei Säulen vor:

  • ein integriertes Prozess- und Versorgungsmanagement mit Behandlungspfaden für unterschiedliche Patientengruppen (Integrated Care Pathways)
  • sektorenübergreifendes Datenmanagement (elektronische Fallakte)
  • die Position von „Schlaganfall-Lotsen“, die den Patienten ein bis anderthalb Jahre über alle Sektoren begleiten.

Ziel ist dabei, das Behandlungsergebnis zu verbessern. Die Rückkehr in die gewohnte Lebensumgebung und ein selbstbestimmtes Leben sollen systematisch unterstützt, Komplikationen, Re-Insulte und chronische Pflegebedürftigkeit vermieden werden. In drei Modellregionen wird das qCM erprobt und wissenschaftlich evaluiert: So arbeitet bereits ein Lotse am Dresdener Universitätsklinikum im Rahmen eines vom Europäischen Sozialfonds geförderten Versorgungsprojekts. Weitere Lotsenprojekte beginnen nächstes Jahr in Hamburg und Ostwestfalen-Lippe. Ein Sonderfall ist der Schlaganfall-Kinderlotse in Bremen, der Familien bundesweit berät.

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„Wir hoffen, dass das qualitätsgesicherte Case Management ein ebensolches Erfolgsmodell wird wie die Zertifizierung der Stroke Units, die wir gemeinsam mit der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft entwickelt haben“, sagte Elmar Stegmeier, Bereichsleiter Integrierte Versorgung der Schlaganfall-Hilfe. Als Kooperations- und Netzwerkpartner sind dabei Akut- und Rehaeinrichtungen, niedergelassene Ärzte und Therapeuten, Pflegedienste und Beratungsstellen, Apotheken und Sanitätshäuser, Kostenträger und Sozialbehörden gefragt. In Hamburg steht die AOK Rheinland/Hamburg als Kooperationspartner in den Startlöchern. „Ob ein zeitnaher Übergang von der Akutbehandlung zum niedergelassenen Neurologen gelingt, ist ein wesentlicher Parameter“, betont Thorsten Janssen, Geschäftsbereichsleiter Selektivverträge der Kasse. Von der Evaluation werden Belege erwartet, inwieweit sich das Lotsenmodell als wirksam und zum weiteren Ausbau geeignet erweist.

In der Nachsorgephase kulminiert auch die Netzwerkarbeit von Schlaganfall-Lotsin Anke Siebdrat. Die Ergotherapeutin und studierte Managerin im Sozial- und Gesundheitswesen arbeitet seit Juli 2012 in einem Pilotprojekt, das der Evaluation in Westfalen vorgeschaltet ist und von der „Bürgerstiftung Gütersloh“ gefördert wird. „Die Patienten sind in der Regel mit der Komplexität des Gesundheitssystems und seiner Vielzahl an Ansprechpartnern, mit dem Terminieren von Arztbesuchen und Therapien, der Kommunikation mit Kostenträgern und sozialrechtlichen Fragen überfordert“, konnte Siebdrat nach inzwischen 60 Fällen feststellen. Transparenz ist der erste Schritt.

Die Lotsin erstellt einen Versorgungsplan nach Maßgaben der verantwortlichen Behandler. Er dokumentiert Risikofaktoren, sekundärpräventive Maßnahmen, indizierte ambulante Therapien und das soziale Umfeld des Patienten. In weiteren Plänen werden die Aspekte spezifiziert. Siebdrat beschrieb die mangelnde Compliance bei der Medikamenteneinnahme als gravierend. „Die Patienten wissen oft nicht genau, was sie wie und warum einnehmen sollen“, berichtete sie in Düsseldorf. Auf den Medikationsplan setzt sie daher in Rücksprache mit der Klinikapotheke auch jeweils die Indikationen. Angesiedelt in der Stroke Unit, wo Oberärzte und Pflegekräfte sie auf potenzielle Klienten hinweisen, beginnt schon dort die Begleitung und setzt sich über die Rehabilitation bis ins häusliche Umfeld fort.

Die Patienten zeigten sich „erfreut und beruhigt, einen Ansprechpartner zu haben“, sagte Siebdrat. In leichten Fällen steige die Compliance unmittelbar an, in schweren über die Unterstützung der Angehörigen. Begerow argumentierte, dass auch Arztpraxen profitieren könnten: Qualitätssteigerung der Behandlung, Zeitersparnis bei der Patienteninformation, Terminpflege durch den Lotsen und ein gesichertes Feedback zum Behandlungserfolg nannte sie in einer Reihe von Vorteilen.

Leonie von Manteuffel

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