ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2014Schmerzmedizin: Nationaler Aktionsplan gefordert

MEDIZINREPORT

Schmerzmedizin: Nationaler Aktionsplan gefordert

Dtsch Arztebl 2014; 111(3): A-80 / B-71 / C-66

Vetter, Christine

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In der Schmerzmedizin gibt es mehrheitlich noch eine Unterversorgung von Patienten, in einigen Bereichen aber auch eine Überversorgung.

Schmerzreduzierende Verfahren gibt es viele, eine individuelle Auswahl sollte jedoch stärker berücksichtigt werden. Fotos: Fotolia/WavebreakmediaMicro, picture alliance, Fotolia/kreativwerden
Schmerzreduzierende Verfahren gibt es viele, eine individuelle Auswahl sollte jedoch stärker berücksichtigt werden. Fotos: Fotolia/WavebreakmediaMicro, picture alliance, Fotolia/kreativwerden

Während der letzten Jahre ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass starke akute Schmerzen erhebliche negative Folgen für den Patienten haben: „Unabhängig von der stressinduzierten Belastung von Herz, Kreislauf, Stoffwechsel und Immunsystem ist zu bedenken, dass unzureichend behandelte akute Schmerzzustände chronifizieren und langfristig die Lebensqualität der Patienten massiv beeinträchtigen können“, so Prof. Dr. med. Shahnaz Christina Azad aus München als Präsidentin des Deutschen Schmerzkongresses im Oktober 2013 in Hamburg.

Es wurden deshalb an vielen Kliniken Akutschmerzdienste etabliert und damit vor allem die postoperative Schmerztherapie deutlich verbessert. Zudem wurden Standards für die Therapie von postoperativen Schmerzen formuliert, um die Analgesie auch unabhängig von Akutschmerzdiensten zu gewährleisten. Für viele Kliniken ist es laut Azad außerdem Routine, Ärzte und Pflegekräfte regelmäßig darin zu schulen, Schmerzen frühzeitig zu erfassen und zu behandeln.

Problematisch aber ist nach wie vor die Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen – obwohl viele Zentren ein hochspezialisiertes Angebot zur Behandlung chronischer Schmerzen zur Verfügung stellen. Laut Azad werden die Betroffenen jedoch viel zu spät an ein solches Zentrum überwiesen. Eine der Ursachen hierfür dürfte sein, dass es oft nach wie vor an Bewusstsein dafür mangelt, dass chronische Schmerzen ein komplexes Geschehen darstellen, das der individualisierten Behandlung bedarf.

Es gibt laut Azad ein ganzes Spektrum an effektiven schmerztherapeutischen Maßnahmen wie Arzneimittel, interventionelle Verfahren, Gegenirritationsmaßnahmen (TENS), Akupunktur oder Physiotherapie. „Allerdings müssen wir lernen, sehr genau zu differenzieren, was im individuellen Fall an Maßnahmen notwendig und sinnvoll ist“, betonte die Schmerztherapeutin beim Hamburger Kongress.

Therapieauswahl muss die Lebensqualität berücksichtigen

Unterbleiben sollten selbstverständlich Maßnahmen, die nicht indiziert sind, forderte Priv.-Doz. Dr. Dr. med. Eva Winkler aus Heidelberg. Das betrifft nach ihrer Darstellung im engeren Sinne Behandlungsverfahren ohne nachgewiesene Wirksamkeit und auch Therapiemaßnahmen, mit denen das Behandlungsziel nicht erreichbar ist. Dazu gehören Therapieoptionen, die mit einer inakzeptablen Lebensqualität verbunden sind oder die dem Patienten voraussichtlich mehr schaden als nutzen werden.

Die Qualität der Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen ist dabei regional recht unterschiedlich. „In ländlichen Regionen besteht häufig eine Unterversorgung, weil die Patienten nicht oder erst sehr spät zu den spezialisierten Zentren überwiesen werden“, monierte Azad. Andererseits ist in den Ballungsgebieten durchaus auch eine Überversorgung realistisch, etwa wenn Patienten ein „Doktor-Hopping“ vornehmen oder aber einzelne Verfahren unkritisch zu Anwendung gebracht werden.

Gesamtstrategie statt „Flickenteppich“

„Die Schmerzmedizin war in der studentischen Ausbildung bislang ein Stiefkind, das wurde jetzt glücklicherweise geändert“, so Azad. Das Gebiet ist seit dem Wintersemester 2013/14 als scheinpflichtiges Querschnittsfach Q14 im Medizinstudium etabliert. Damit dürfte sich künftig aus ihrer Sicht auch ein besseres Bewusstsein dafür ergeben, dass Schmerz nicht nur ein Begleitsymptom darstellt, sondern bei inadäquater Therapie eigenen Krankheitswert erlangen kann.

Einen „Nationalen Aktionsplan gegen den Schmerz“ hat Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Thomas Tölle, München, als Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft anlässlich des Kongresses in Hamburg gefordert. Akute und auch chronische Schmerzen haben hinsichtlich der Belastung der Patienten wie auch der volkswirtschaftlichen Kosten aus seiner Sicht längst den Charakter einer Volkskrankheit erreicht. Tölle: „Wir brauchen deshalb nun eine nationale Gesamtstrategie statt einen gewachsenen Flickenteppich, der weiter gestopft wird.“

Christine Vetter

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