ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2014Sterbehilfe: Aus dem Blickwinkel der Geschichte

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Sterbehilfe: Aus dem Blickwinkel der Geschichte

Dtsch Arztebl 2014; 111(3): A-88 / B-78 / C-72

Jachertz, Norbert

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Zwar behandelt Hohendorf die Debatte über die Sterbehilfe seit dem 19. Jahrhundert, im Wesentlichen aber setzt er sich mit der im Nationalsozialismus praktizierten „Euthanasie“ und deren Nachwirkungen auseinander. Ihn beschäftigen dabei nicht nur die bis heute anhaltende Aufarbeitung, sondern auch die gegenwärtige, von der NS-Zeit losgelöste Entwicklung – bis hin zur ärztlichen Beihilfe zum Suizid oder zu Praktiken in den Niederlanden und Belgien. Die Frage nach der Sterbehilfe ist somit hochaktuell. Wer sie in den historischen Zusammenhang stellt, betritt freilich vermintes Gelände. Befürworter der Sterbehilfe weisen Parallelen zum Nationalsozialismus empört zurück, Gegner hingegen diskret darauf hin. Eine Gratwanderung ist angesagt. Hohendorf bewältigt sie einigermaßen elegant, indem er die Ideologie und Praxis damals wie heute differenziert beschreibt und anhand eines überragenden Kriteriums beurteilt: Dürfen wir, individuell wie als Gesellschaft, Leben in „lebenswert“ und „lebensunwert“ unterscheiden? Damit verbunden ist die weitere Frage, wer über den Lebenswert befindet: Der Einzelne aus freien Stücken, Dritte, die für ihn sprechen (oder zu sprechen vorgeben) oder der Staat? In der NS-Zeit maßte sich der Staat die Entscheidung an und entwickelte ein Mordprogramm. Ärzte, vor allem Psychiater, waren dabei bereitwillig und in führenden Positionen zur Hand. Sie gaben dem Krankenmord einen wissenschaftlichen Anstrich, obwohl handfeste ökonomische Gründe dahintersteckten, und organisierten ihn schließlich.

Folgt man dem Autor, dann dürfen sich weder Obrigkeit noch Arzt anmaßen, über den Lebenswert zu entscheiden. Das Individuum, auch das kranke oder behinderte, hat seine eigene Idee vom Wert des Lebens, die mit „objektiven“ medizinischen Kriterien nicht unbedingt übereinstimmen muss. Eine Gesellschaft, die sich jedoch darauf einlässt, über den Kopf des Einzelnen hinweg auf lebenswert oder -unwert zu erkennen, gerät schnell auf die schiefe Bahn: Wird die freie Willensentscheidung erst einmal eingeschränkt, dann wird die Fremdbestimmung zur Regel.

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Der Autor ist Psychiater und Medizinhistoriker an der TU München und ein ausgewiesener Kenner der Materie. Im Unterschied zu manch anderen Darstellungen der NS-Zeit schreibt er Geschichte weniger aus der Täter- als aus der Opferperspektive. So auch in in diesem Buch, das auf seine Habilitationsschrift zurückgeht. Norbert Jachertz

Gerrit Hohendorf: Der Tod als Erlösung vom Leiden. Wallstein, Göttingen 2013, 327 Seiten, gebunden, 28 Euro

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