ArchivMedizin studieren1/2014Modellstudiengänge: Bausteine für ein gutes Studium

Studium

Modellstudiengänge: Bausteine für ein gutes Studium

Medizin studieren, 1/2014: 7

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: iStockphoto
Foto: iStockphoto

Schluss mit der grauen Theorie: In Modellstudiengängen geht es von Anfang an um Fälle aus der Praxis. Doch sind die Curricula deshalb automatisch besser? Welche Bausteine könnte man ins Regelstudium übernehmen?

Drei Studenten sollen ein Telefonbuch auswendig lernen – ein BWler, ein Jurist und ein Mediziner. Fragt der BWler: „Was krieg’ ich dafür?“, der Jurist: „Warum?“, der Mediziner: „Bis wann?“

Anzeige

Ein zugegebenermaßen alter Witz. Tatsächlich spiegelt er aber genau das Motto wieder, das jahrelang im Medizinstudium der Normalfall war: „Frag’ nicht warum, lern’ einfach.“ In der Vorklinik paukten die Studierenden zuerst Physik, Chemie, Anatomie, dann Physiologie und Biochemie, um Jahre später – manchmal auch nie – zu erfahren, wofür das alles relevant ist.

Als die Universität Witten/Herdecke Anfang der 80er Jahre in der Medizinerausbildung neue Wege ging, wurde sie von vielen belächelt. Heute – 30 Jahre später – ist das anders. Die innovativen Lehrformen, die Witten schon früh angewendet hat, kommen an vielen Fakultäten zum Einsatz. Dazu zählt vor allem das problemorientierte Lernen (POL) in Kleingruppen. Es gibt von Anfang an einen Praxisbezug. Das heißt: Die Studierenden wissen, wofür sie lernen. Dieses Konzept überzeugt. Beim Fakultätenranking des Hartmannbundes landete Witten kürzlich auf dem ersten Platz. Auch die Politik ist voller Lob. „Der ganzheitliche Ansatz in Witten hat die traditionelle Medizin bereichert“, sagte Helmut Dockter, Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium, bei der Preisverleihung.

Witten ist längst kein Exot mehr. Derzeit gibt es an zehn der 37 Fakultäten einen „Modellstudiengang“. Künftig werden es noch neun sein. Der Modellstudiengang in Bochum läuft aus – nicht etwa, weil die Idee gescheitert wäre. Über einige Jahre lief er parallel zum Regelstudiengang. Nun – zum Wintersemester 2013/2014 – ist in Bochum ein neuer reformierter Regelstudiengang gestartet. Er vereint nach Angaben der Fakultät die positiven Aspekte beider Curricula.

Grundlage für Modellstudiengänge ist § 41 der Approbationsordnung. Sie dürfen vom klassischen Curriculum abweichen. Die Trennung von Klinik und Vorklinik ist aufgehoben. Der Stundenplan in Modellstudiengängen besteht nicht aus Fächern, sondern aus themenbezogenen Modulen. Schon im ersten Semester befasst man sich mit Krankheitsbildern und Symptomen, zum Beispiel Diabetes mellitus. Diese Stoffwechselstörung eignet sich auch dazu, sich mit den zellulären Transportmechanismen für Glukose zu befassen. Natürlich geht es nicht am ersten Tag des Studiums darum, exakt über die medikamentöse Blutzuckereinstellung Bescheid zu wissen. Die Themen werden im Studium immer wieder aufgegriffen und vertieft, im Sinne einer „Lernspirale“. Das Physikum kann in einem Modellstudiengang wegfallen. Ansonsten sind aber die gleichen staatlichen Prüfungen für einen Abschluss notwendig.

In Witten/Herdecke werden die Studierenden außerdem frühzeitig in Hausarztpraxen unterrichtet. Organisatorisch möglich ist das auch, weil die Zahl der Studienplätze an der privaten Hochschule überschaubar ist: 42 pro Jahr. Allerdings ist guter Unterricht auch unter anderen Rahmenbedingungen möglich und muss nicht unbedingt als Modellstudiengang erfolgen. Das zeigt das Beispiel Greifswald. Der Standort landete beim Fakultätenranking des Hartmannbundes auf Platz zwei. Es handelt sich um einen Regelstudiengang mit 180 Plätzen zum Wintersemester. Das Studium – insbesondere im klinischen Abschnitt – wurde aber reformiert. Die klassische Semesterstruktur ist aufgehoben. Die Kurse verteilen sich auf das ganze Jahr, so dass mehr Unterricht in Kleingruppen am Krankenbett möglich ist. Und es bleibt mehr Zeit für wissenschaftliches Arbeiten.

Gerade die praktische Ausbildung im Medizinstudium hat sich in den vergangenen Jahren verbessert – auch im Regelstudium. Nahezu überall gibt es ein „Skills Lab“. Nicht mehr nur theoretisches Wissen, sondern POL-Kurse, das praktische Arbeiten und die Kommunikation stehen auf dem Stundenplan. Auch Objektive Structured Clinical Examinations sind vielerorts üblich.

Gute Lehre ist aufwendig. Unterrricht in Kleingruppen ist personalintensiver als eine Hauptvorlesung. Daher fordern der Medizinische Fakultätentag (MFT), der Verband der Universitätsklinika Deutschlands und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bessere Rahmenbedingungen für die Lehre. „Die Chancen neuer Techniken der Wissensvermittlung und veränderter Studienorganisation könnten wegen fehlender Mittel gar nicht ausgeschöpft werden“, kritisierte MFT-Präsident Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer. KBV-Vorstand Dipl.-Med. Regina Feldmann erklärte, das Medizinstudium müsse sich dem Versorgungsgeschehen anpassen. Notwendig sei die Einbindung des ambulanten Sektors.

Tatsächlich sieht es danach aus, dass Union und SPD Teile dieser Forderungen aufnehmen wollen. Zumindest haben sie im Koalitionsvertrag vereinbart, dass eine Konferenz der Gesundheits- und Wissenschaftsminister von Bund und Ländern einen „Masterplan Medizinstudium 2020“ entwickeln soll – für mehr Praxisnähe, eine zielgerichtete Bewerberauswahl und zur Stärkung der Allgemeinmedizin. Allerdings kann man sich fragen, ob sich Universitäten allein an den Erfordernissen der Patientenversorgung orientieren sollten. Wird ein Hochschulstudium dadurch nicht eher zu einer Berufsausbildung? Und sind die Absolventen der Modellstudiengänge überhaupt später die besseren Ärzte? Mit Spannung erwartet wird ein Gutachten des Wissenschaftsrats zum Thema Modellstudiengänge, das in diesem Jahr vorgelegt werden soll.

Was ist ein gutes Medizinstudium? Soll allein die Patientenversorgung im Vordergrund stehen? Oder methodisch-wissenschaftliche Kenntnisse – nicht zuletzt, damit Absolventen dazu in der Lage sind, medizinische Informationen kritisch zu beurteilen? „Wir brauchen beides“, sagt der Greifswalder Studiendekan Prof. Dr. med. Rainer Rettig bei einer Diskussionsrunde in Witten/Herdecke. Auch für den Vorsitzenden des Hartmannbundes, Dr. med. Klaus Reinhardt, gehört neben einer fundierten theoretischen Ausbildung der praktische Unterricht dazu. Wichtig für den Arztberuf seien außerdem kommunikative Fähigkeiten. Ziel des Studiums müsse es vor allem aber auch sein, die Studierenden für eine ärztliche Tätigkeit zu motivieren.

Innovative Lehre

Zehn der 37 medizinischen Fakultäten in Deutschland bieten einen „Modellstudiengang“ an: Aachen, Berlin, Bochum, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Köln, Mannheim, Oldenburg und Witten/Herdecke. Eine strikte Trennung von klinischen und vorklinischen Fächern gibt es nicht. Es wird von Anfang an ein Praxisbezug hergestellt. Ein wichtiger Baustein im Unterricht ist das problemorientierte Lernen.

Innovative Lehrformen gibt es keinesfalls nur in Modellstudiengängen. Vielerorts haben sie Einzug in den Regelstudiengang gehalten.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema