ArchivMedizin studieren1/2014Intimchirurgie: Operieren ohne Tabu

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Intimchirurgie: Operieren ohne Tabu

Medizin studieren, 1/2014: 22

Hibbeler, Birgit

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Foto: picture alliance
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Ob Schamlippenverkleinerungen, G-Punkt-Unterspritzungen oder Scheidenstraffungen – die Nachfrage nach intimchirurgischen Eingriffen steigt. Der Wunsch nach Schönheit und „guter“ Sexualität kennt keine Grenzen mehr.

Lea (31) ist verzweifelt. Noch nie hatte sie einen Orgasmus. Anfangs dachte sie: Vielleicht liegt es am Partner. Doch mittlerweile ist sie davon überzeugt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Lea ist die Protagonistin einer RTL-Exklusiv-Reportage. Von ihrem heutigen Besuch in einer Leipziger Schönheitsklinik erhofft sie sich viel. Die „seit Jahren unglückliche Bürokauffrau“ ist fest entschlossen, eine „G-Punkt-Unterspritzung“ vornehmen zu lassen. Informiert hat sie sich im Internet. „Ich hoffe, dass dadurch alles besser wird für die nächste Beziehung“, sagt Lea.

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Bei einer G-Punkt-Unterspritzung wird entweder Hyaluronsäure oder Eigenfettgewebe in die Vorderwand der Vagina gespritzt – etwa vier bis fünf Zentimeter oberhalb des Scheideneingangs. Ziel: Die Sensibilität dieser Zone soll verbessert werden. Die Kosten für den Eingriff liegen um die 1 500 Euro. Ob es den G-Punkt – benannt nach dem deutschen Frauenarzt Ernst Gräfenberg – tatsächlich gibt, ist unter Medizinern umstritten. „Das muss man sicherlich mit einem Fragezeichen versehen“, meint auch Prof. Dr. med. Jutta Liebau, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC). Bei den G-Punkt-Unterspritzungen fehle es an Evidenz.

Das Interesse an Operationen und Unterspritzungen im Intimbereich steigt. Wie viele Eingriffe in Deutschland jedes Jahr stattfinden, weiß aber niemand so genau. Da Schönheits-OPs aus eigener Tasche bezahlt werden, tauchen sie in keiner Krankenkassenstatistik auf und werden auch nirgendwo zentral erfasst. Die DGPRÄC hat kürzlich Zahlen veröffentlicht – basierend auf einer Mitgliederbefragung. Das Ergebnis: Die häufigsten intimchirurgischen Eingriffe sind Verkleinerungen der kleinen Schamlippen. 2011 fanden in der Bundesrepublik etwa 5 440 Schamlippenkorrekturen statt. Außerdem gab es 350 operative Eingriffe an der Vagina, wie etwa Straffungen. Die G-Punkt-Unterspritzungen wurden nicht explizit erhoben. Und was ist mit Eingriffen bei Männern? Mit 150 Operationen spielten Penisvergrößerungen eine untergeordnete Rolle.

Ob es einen Boom der Intimchirurgie gibt, lässt sich nicht objektivieren. Vergleichszahlen aus den Vorjahren liegen nicht vor. „Die mediale Aufmerksamkeit für das Thema ist gestiegen“, betont Liebau. Was sie beobachtet, sind auch veränderte Lebensgewohnheiten, die eine Rolle spielen: Immer mehr Frauen rasieren sich im Intimbereich – anders als etwa noch vor 20 oder 30 Jahren. „Der Intimbereich, der ja sonst ein verborgener ist, gerät so stärker in den Blickpunkt“, erläutert die Plastische Chirurgin. Wichtig ist Liebau, das Thema differenziert zu betrachten. Die Schamlippenkorrekturen erfolgten häufig, weil es eine mechanische Beeinträchtigung gebe, etwa beim Sport. Aber auch bei einer durch das Erscheinungsbild empfundenen Beeinträchtigung könne die psychische Belastung groß sein. Die DGPRÄC arbeitet derzeit an einer Leitlinie zur Intimchirurgie.

Eine weitaus kritischere Haltung hat der Weltärztinnenbund (Medical Women’s International Association, MWIA). Die MWIA hat zu intimchirurgischen Eingriffen aus rein ästhetischen Gründen eine Stellungnahme vorgelegt. Darin kritisieren die Ärztinnen, solche OPs seien mit psychischen und körperlichen Risiken verbunden. Das sei vielen Patientinnen jedoch nicht klar. Ihnen werde der Eindruck vermittelt, die Eingriffe wirkten sich positiv auf das Wohlbefinden und Sexualleben aus und seien risikofrei. „Das ist aber nicht belegt“, sagt Dr. med. Waltraud Diekhaus, ehemalige MWIA-Generalsekretärin.

„Den Frauen wird eingeredet, alle Schamlippen müssten gleich und möglichst jugendlich aussehen“, kritisiert Diekhaus. Abweichungen würden als OP-Indikation dargestellt. Das sei nicht akzeptabel. Grundsätzlich habe jede Frau das Recht, selbst zu entscheiden, was sie wolle. Vielfach handle es sich aber um eine „zweifelhafte Verschönerung von naturgegebenen Eigenarten“ und die Anpassung an ein von außen vorgegebenes Ideal. „Die Frauen sollten Stärke zeigen und sich unabhängig machen von der Beurteilung anderer“, findet Diekhaus. Aus ihrer Sicht muss untersucht werden, inwieweit psychische Probleme der Grund für den Wunsch nach fragwürdiger Intimchirurgie sind.

Tatsächlich ist über die Gründe, warum Frauen sich im Intimbereich operieren lassen, nur wenig bekannt. Je nach Studie dominieren zum Beispiel bei den Schamlippenverkleinerungen körperliche Einschränken beim Sport, Geschlechtsverkehr und Wasserlassen oder rein ästhetische Motive und Schamgefühle. Bei Rekonstruktionen des Jungfernhäutchens seien bei Frauen aus anderen Kulturkreisen psychosoziale Gründe bis hin zur Suizidalität beschrieben, heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). „Gemeinsam ist bei allen diesen kosmetischen Operationen am weiblichen Genitale, dass Risikoeinschätzungen und Komplikationsraten dieser Operationen fehlen, nicht bekannt sind oder verharmlost werden (keine Nachuntersuchungen über längere Zeiträume)“, schreibt die DGGG. Wundheilungsstörungen, Entzündungen, Verwachsungen, Sensibilitätsstörungen – all das sind unerwünschte Folgen der Intimchirurgie. Es gibt keine wissenschaftlich fundierten OP-Standards. Die DGGG verlangt, die Patienten seien darüber zu informieren.

Für Lea aus der RTL-Reportage sind die Risiken einer G-Punkt-Unterspritzung kein Thema. Auch die fragliche Existenz des G-Punkts kommt in dem Fernsehbeitrag nicht zur Sprache. Immerhin informiert der Schönheitschirurg seine Patientin darüber, dass es keine Erfolgsgarantie gibt. Sie willigt trotzdem ein. Der Eingriff verläuft nach Plan. Und als Lea die Klinik verlässt, ist sie optimistisch. Sie erwartet nicht weniger als „ein neues Leben“.

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Avatar #549367
Frauenärzte am Potsdamer Platz
am Donnerstag, 20. Februar 2014, 19:19

Schamlippenverkleinerungen in Berlin

Auch in unserer Praxis ist die Zahl der Frauen mit dem Wunsch einer Schamlippenkorrektur in den letzten 6 Jahren sprunghaft angestiegen, von ca. 10/Jahr 2007 auf ca. 250 ambulante Labioplastiken im Jahr 2013.
Bei allen operierten Patientinnen traten Probleme beim Sport, beim längeren Gehen, beim Tragen bestimmter Bekleidungsstücke und im Sexualleben auf.
In allen Fällen war der Wunsch zur Operation aufgrund der geschilderten Beschwerden nachvollziehbar.
Ernste Komplikationen, die zu Spätfolgen ( Gefühlsstörungen, Narbenbildungen ) führten, traten bei unserer Op-Technik und -Methode in den letzten 6 Jahren nicht auf. Nachblutungen bei dem von uns verwendeten Instrumentarium auch nicht. Fast ausnahmslos führte die Operation bei den Patientinnen zu einer deutlichen Verbesserung des körperlichen und seelischen Befindens.

Erstaunlich ist, dass im Hinblich auf eine Verkleinerung der Schamlippen immer wieder „warnende Stimmen“ von Gynäkologen und psychotherapeutisch Tätigen auftreten, die offensichtlich über relativ wenig eigene operative Erfahrungen auf dem Gebiet der Intimchirurgie besitzen.

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