ArchivMedizin studieren1/2014Einfluss der Pharmaindustrie auf die Lehre: „Ein reales Problem “

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Einfluss der Pharmaindustrie auf die Lehre: „Ein reales Problem “

Medizin studieren, 1/2014: 24

Hillienhof, Arne

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Pascal Nohl-Deryk, Medizinstudent im 7. Semester in Bochum
Pascal Nohl-Deryk, Medizinstudent im 7. Semester in Bochum

Die medizinischen Fakultäten sollten Lehrveranstaltungen etablieren, die über Interessenkonflikte in der Forschung und der Patientenbetreuung informieren und so das Problembewusstsein der Studierenden schärfen. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) fordert außerdem Richtlinien an den Fakultäten, um den Einfluss von Interessenkonflikten auf die Lehre zu minimieren. „Medizin Studieren“ sprach über die Hintergründe mit dem Bundeskoordinator für Gesundheitspolitik der bvmd, Pascal Nohl-Deryk.

Sind Interessenkonflikte ein reales Problem in der Lehre?

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Pascal Nohl-Deryk: Das ist durchaus möglich, und uns sind solche Fälle bekannt. Zum Beispiel hat ein Dozent einen Interessenkonflikt, wenn er Drittmittel von einem Unternehmen bekommt oder an diesem finanziell beteiligt ist, gleichzeitig aber eine Vorlesung hält, die sich auch mit den Produkten dieses Unternehmens beschäftigt. Das birgt das Risiko, Sachverhalte verzerrt darzustellen. Es ist aber natürlich auch durchaus möglich, dass er die Fakten dennoch objektiv richtig darstellt und in ihrer ganzen Breite erläutert.

Es geht bei den Interessenkonflikten um finanzielle Zuwendungen?

Nohl-Deryk: Langsam. „Interessenkonflikte“ sind definiert als Gegebenheiten, die ein Risiko für eine unangemessene Beeinflussung schaffen. Häufig, aber längst nicht immer, handelt es sich um materielle Zuwendungen. Es können auch gute persönliche Kontakte zum Beispiel zu Forschungsgruppen eines Unternehmens sein. Die sind ja nicht primär schlecht, aber das Potenzial für Interessenkonflikte bergen sie dennoch. Ganz wichtig ist: Die Beeinflussung erfolgt meist unbewusst. Sie ist nicht das Resultat einer bewussten, unethischen Entscheidung. Deshalb müssen wir Interessenkonflikte auch deutlich von Korruption abgrenzen.

Was fordert die bvmd?

Nohl-Deryk: Wir brauchen an den Fakultäten Richtlinien, um den Einfluss von Interessenkonflikten zu minimieren. Viele Fakultäten in den USA verfügen zum Beispiel bereits über Regularien zum Umgang der Studierenden mit der Pharmaindustrie. Eine im British Medical Journal publizierte Studie hat den Einfluss dieser Richtlinien untersucht. „Conflict-of-Interest-Richtlinien, über die seit 2002 immer mehr Fakultäten verfügen, können die klinische Routine wirksam beeinflussen“, so das Ergebnis der Arbeitsgruppe im BMJ. Diese Conflict-of-Interest-Richtlinien hatten die Studierenden also sensibilisiert, sie waren später als Ärzte kritischer.

Sie fordern auch Lehrveranstaltungen zum Thema. Wie sollen die aussehen?

Nohl-Deryk: Am besten wären Veranstaltungen explizit dazu im Querschnittsbereich zwei, also in Geschichte, Theorie und Ethik in der Medizin. Dabei könnten die Dozenten auf die Möglichkeiten von Beeinflussung hinweisen und das Ganze mit realen Fallbeispielen veranschaulichen. Das Ziel ist es, Studierende zu sensibilisieren.

Wie will die bvmd an dem Thema weiterarbeiten?

Nohl-Deryk: Die bvmd steht gerne in beratender Funktion bei der Erstellung der geforderten Conflict-of-Interest-Richtlinien zur Seite. Außerdem wollen wir ein Bewertungssystem entwickeln, das zeigt, wo die einzelnen Fakultäten beim Thema „Interessenkonflikte“ stehen. Das genaue „Wie?“ dieses Bewertungssystems und vielleicht Fakultätenrankings ist aber noch offen.

@Deutsches Ärzteblatt zur Studie im BMJ:
www.aerzteblatt.de/nachrichten/53270

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