ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2014Von schräg unten: Schmerzensgeld

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schmerzensgeld

Dtsch Arztebl 2014; 111(4): [72]

Böhmeke, Thomas

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Wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, haben dank der Kraft unserer Kenntnis, der Macht unserer Möglichkeiten das Schicksal in der Hand. Ja, so darf ich es – Ihr stillschweigendes Einverständnis vereinnahmend, weil weiterlesend – einmal unter uns formulieren: Wir haben uns den Titel des Halbgottes in Weiß mehr als verdient. Sind wir es nicht, die Siechtum bannen? Das Schicksal stornieren? Da ist es mehr als gerecht, dass wir das Lob derjenigen, die wir auf dem schmalen Grat der Gesundheit begleiten, mit großem Stolz entgegennehmen! Danke, Doktor, dass du mich so aufmerksam begleitet, mein Problem gelöst hast! Das ist die Triebfeder unserer tugendhaften Taten, daher bekommen wir die Kraft, Krankheiten niederzuringen: der Dank unserer Patienten.

Aber – ist das wirklich so? Ein Patient bittet um Rückruf. Sofort erinnere ich mich: Der besorgte Hausarzt hatte ihn vor vier Wochen zur Frage einer Endokarditis vorgestellt, dies aufgrund unspezifischer Laborveränderungen. Vorangegangen war eine Mitralklappenrekonstruktion im vorherigen Jahr, und nun stellte sich die Frage, ob ein bösartiger Keim die reparierte Klappe okkupiert hat. Nun, die chirurgisch versorgte Mitralklappe zeigte sich einwandfrei, aber als bösartige Ursache der aus dem Lot laufenden Laborwerte fand ich ein Angiosarkom der linken Niere. Dieses wurde zwischenzeitlich ektomiert, der Eingriff gut überstanden; aber warum ruft er mich jetzt an? Dunkle Vorahnungen, gespeist durch langjährige Erfahrungen, ergreifen meine differenzialdiagnostische Seele: Da steckt bestimmt ein Chimu-Syndrom dahinter. Die alten Chimu-Indianer hatten ihre Ärzte gewohnheitsmäßig umgebracht, wenn ihnen etwas nicht passte.

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Wenn also der Patient um Rückruf bittet, dann passt ihm etwas nicht, demzufolge habe ich etwas falsch gemacht. Aber was? War ich zu wenig einfühlsam? Das kann sein, denn ich bin bei der sonographischen Untersuchung ohne Umschweife auf die Raumforderung zu sprechen gekommen. Hat er zu lange warten müssen? Eher nein, er kam ja sofort dran, nachdem der Hausarzt angerufen hatte. Oder kann es sein, dass er darüber vergrätzt ist, dass ich ihn nicht zur zweiten Meinung vorgestellt habe? Denn – ich bin ja nur Kardiologe, kann man einem solchen überhaupt trauen, wenn er die Nieren schallt? Das kann nicht sein, weil meine Verdachtsdiagnose sich als korrekt erwiesen hatte. Nein, der Fehler lag bestimmt darin, dass ich eine CT-Diagnostik ausgemacht habe, die zwei Tage später erfolgte, und erst zwei Wochen später wurde er in einer urologischen Klinik aufgenommen. Ja, das wird’s sein. Ich hätte sofort die Rote Karte ziehen und ihn notfallmäßig einweisen müssen. Bestimmt wird er mir diesen Zeitverzug anlasten und die Gutachterkommission, vielleicht ein Strafverfahren anstrengen. Ganz bestimmt.

Wie dem auch sei, ich muss mich allen Vorwürfen stellen, ich muss ihn anrufen und mich ganz defensiv verhalten, ungefähr wie eine Koronarstenose bei Kontakt mit einem Dilatationsballon. Schweren Herzens greife ich zum Telefon. Böhmeke, guten Tag! „Ja, guten Tag. In der Klinik haben sie meinen Betablocker abgesetzt, jetzt sind die Herzfrequenzen um die 80, geht das in Ordnung?“ Ja, das geht in Ordnung. „Dann ist es ja gut.“ Wie, sonst nichts? „Nein, wieso?“ Da kann ich nur sagen: Danke! Keine Gutachterkommission, kein Strafverfahren! Danke!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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Avatar #655364
DrWoRa
am Montag, 27. Januar 2014, 16:01

Schmerzensgeld

Sehr geehrte Redaktion,
dieselbe Glosse innerhalb eines Monats schon zum zweiten Mal!
Muss das sein?
MfG
Dr. Wolfgang Ramm

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