ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2014Kassenärztliche Vereinigungen: Wichtiger denn je

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Kassenärztliche Vereinigungen: Wichtiger denn je

Dtsch Arztebl 2014; 111(4): A-97 / B-85 / C-81

Stüwe, Heinz

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Selbstverständlich sind in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes die aktuellen Fragen Thema, die der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit der Ankündigung seines Rücktritts aufgeworfen hat (siehe dazu: „Köhler kündigt seinen Rücktritt an“). Zunächst aber soll an Fragen erinnert werden, die sich vor neun Jahren nicht nur niedergelassene Ärzte stellten, als Dr. med. Andreas Köhler seine Arbeit als erster hauptamtlicher KBV-Chef antrat.

Damals sorgten sich viele, dass die vom Gesetzgeber verordnete Organisationsreform die Bindung des nun professionellen Managements an der Spitze von KBV und Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) an die ärztliche Basis gefährden könnte. Auch wenn es darüber bis heute unterschiedliche Ansichten geben mag – infrage gestellt wird die neue Struktur nicht mehr. Dabei ging es 2005 und danach um die Grundsatzfrage: Haben die KVen überhaupt eine Zukunft? Damals galt das KV-System als politisch akut bedroht und kaum zukunftsfähig. Gleich mehrere Organisationen brachten sich als mögliche Nachfolger in Stellung.

Ein knappes Jahrzehnt später ist festzustellen: Weder vor noch nach der Bundestagswahl stand die Abschaffung des KV-Systems zur Debatte. In der Politik nicht und auch nicht in der Ärzteschaft. Allein die Tatsache, dass die Aufrufe an die Vertragsärzte zum massenhaften Systemausstieg scheiterten, erklärt die neu gewonnene Wertschätzung nicht. Vielmehr haben KVen und KBV unter der Führung Köhlers ihre Handlungs- und Innovationsfähigkeit unter Beweis gestellt. Das KV-System konnte Honorarsteigerungen in Milliardenhöhe für die Vertragsärzte durchsetzen. Der Anteil der ambulanten Vergütung an den gesamten Leistungsausgaben der Kassen stieg seit 2005 von unter 16 auf 18 Prozent. Mit der gesetzlich eingeführten Morbiditätsorientierung der ambulanten Vergütung tragen die Krankenkassen – bei allen Mängeln im Detail – wieder die Krankheitslast ihrer Versicherten. Erfolge, die Köhler schon deshalb nicht plakativ herausstellen konnte, weil er immer schon die nächste Verhandlungsrunde mit den Krankenkassen im Blick hatte. Zweifellos gibt es regionale Ungleichgewichte, und nach wie vor ist das Honorar insgesamt budgetiert, was mit einem unbegrenzten Leistungsversprechen nicht in Einklang zu bringen ist. Das hat Köhler auf dem Neujahrsempfang der Ärzteschaft in Berlin herausgestellt und die Politik zum Handeln aufgefordert.

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Ein honorarpolitisch erfolgreiches KV-System und daneben etablierte Selektivverträge, über die vor allem im Süden Deutschlands beträchtliche Vergütungsanteile abgewickelt werden – das hätte 2005 wohl kaum jemand vorausgesagt. Dabei ist das Nebeneinander von Kollektiv- und Selektivverträgen keineswegs reibungsfrei, denn die von Köhler immer wieder geforderten Wettbewerbsregeln hat die Politik immer noch nicht geschaffen. Sie treibt ein anderes Problem um. In Zeiten eines sich verschärfenden Ärztemangels sind Politiker heilfroh, eine Instanz zu haben, die sich um eine medizinische Versorgung ohne Lücken kümmern muss und auch kümmert. Deshalb sind die KVen wichtiger denn je.

Heinz Stüwe, Chefredakteu
Heinz Stüwe, Chefredakteu

Wenige Monate nach seinem Amtsantritt hatte Köhler seine Vision eines geschlossenen, innovativen „KV-KBV-Konzerns“ skizziert, der unverzichtbare Dienstleistungen für seine Mitglieder erbringt. Innovativer im Vertragsgeschäft und serviceorientierter sind die KVen im Wettbewerb zweifellos geworden. Bleibt die Geschlossenheit. „Es würde mich freuen, wenn in der Selbstverwaltung Kollegialität noch besser gelänge“, mahnte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe beim Neujahrsempfang. Viele hoffen mit ihm.

Heinz Stüwe
Chefredakteur

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 22. Februar 2014, 17:49

Aber ein "Weiter so!" geht auch nicht.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die KBV müssen sich in der Haus-, Facharzt u n d Psychotherapeutenebene legitimieren. Ihre Existenzberechtigung durch innovative, die Gesamtheit und die Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung berücksichtigende Kooperationsmodelle nachweisen.

Dazu genügt es eben n i c h t, aktuell mit einem unverbindlichen "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb?"-Appell und einem 10-Punkte-(Nicht)-Plan "Für ein einheitliches KV-System" an die Öffentlichkeit zu gehen. Eine Pressemitteilung vom 18.02.2014 der 13 unterzeichnenden Kassenärztlichen Vereinigungen soll das Bekenntnis zu einem einheitlichen KV-System beschwören. Ob das den anderen KVen, der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung und der KBV wieder auf die Beine hilft?
Mehr dazu auf "Schätzlers Schafott"
http://www.springermedizin.de/kv-system-ein-10-punkte-nichtplan/4973498.html
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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