ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2014Neujahrsempfang der Ärzteschaft: Köhler kündigt seinen Rücktritt an

POLITIK

Neujahrsempfang der Ärzteschaft: Köhler kündigt seinen Rücktritt an

Dtsch Arztebl 2014; 111(4): A-105 / B-91 / C-87

Korzilius, Heike

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zum Thema: die Rede von Andreas Köhler auf KV-ON

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Aus gesundheitlichen Gründen wird der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sein Amt zum 1. März aufgeben. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) mahnt mehr Kollegialität unter den Ärzten an.

„Ich war und bin Überzeugungstäter“ – Andreas Köhler steht, mit einer kurzen Unterbrechung, seit 1995 in den Diensten der KBV, seit 2005 ist er der erste hauptamtliche Vorstandsvorsitzende der Körperschaft.
„Ich war und bin Überzeugungs­täter“ – Andreas Köhler steht, mit einer kurzen Unterbrechung, seit 1995 in den Diensten der KBV, seit 2005 ist er der erste hauptamtliche Vorstandsvorsitzende der Körperschaft.

Spannung und Neugier, Bedauern und Respekt – das dürfte die Gefühlspalette der etwa 600 Gäste aus Politik, Ärzteschaft und Verbänden gewesen sein, die am 16. Januar der Einladung von Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und KBV sowie der Ärztekammer und der KV Berlin zum Neujahrsempfang gefolgt waren. Zum einen hatte der neue Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe sein Kommen angekündigt. Zum anderen hatte die KBV am selben Morgen mitgeteilt, dass ihr Vorstandsvorsitzender, Dr. med. Andreas Köhler, zum 1. März aus gesundheitlichen Gründen sein Amt aufgeben würde.

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Köhler hatte nach einem Herzinfarkt im vergangenen November kurz zuvor seinen Dienst in der KBV wieder angetreten. „Doch leider muss ich nach nur wenigen Tagen feststellen, dass es mir aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich sein wird, das Amt in der Form, wie es notwendig ist, fortzuführen“, sagte ein sichtlich bewegter KBV-Chef am Abend vor den geladenen Gästen. „Das ist ein großer Schritt, der mir alles andere als leicht fällt.“ Die ambulante ärztliche und psychotherapeutische Versorgung und die Einheit des KV-Systems seien Themen, die ihn seit Jahrzehnten persönlich beschäftigt hätten, meist über einen 14-Stunden-Arbeitstag hinaus. „Ich war und bin Überzeugungstäter“, erklärte Köhler.

Der 53-Jährige steht seit 2005 der KBV vor. Er war der erste hauptamtlich tätige Vorstandsvorsitzende nach der Organisationsreform des KV-Systems, und er hat dem Amt als Arzt und Betriebswirt unbestritten seinen Stempel aufgedrückt.

Setzt auf das Prinzip der Selbstverwaltung: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (l.) nutzte den Neujahrsempfang zum Austausch mit der KBV-Spitze (v. l. Regina Feldmann, Andreas Gassen, Hans-Jochen Weidhaas und Stefan Windau) und mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Bildergalerie: www.aerzteblatt.de/galerie/80. Fotos Georg J. Lopata
Setzt auf das Prinzip der Selbstverwaltung: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (l.) nutzte den Neujahrsempfang zum Austausch mit der KBV-Spitze (v. l. Regina Feldmann, Andreas Gassen, Hans-Jochen Weidhaas und Stefan Windau) und mit dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Frank Ulrich Montgomery. Bildergalerie: www.aerzteblatt.de/galerie/80. Fotos Georg J. Lopata

Die vergangenen Monate waren schwierig für Köhler. Im KBV-Vorstand und in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung sind alte Konflikte zwischen Haus- und Fachärzten wieder aufgebrochen. Das Verhältnis zu seiner Vorstandskollegin Dipl.-Med. Regina Feldmann gilt als zerrüttet. Im Dezember scheiterte der Versuch nur knapp, durch die Abwahl des KBV-Vorstands ein „Reset mit neuem Personaltableau“ durchzuführen, wie es Dr. med. Andreas Gassen gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt formulierte. Der stellvertretende Vorsitzende der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung hatte während Köhlers Krankheit ein fachärztliches Beratergremium angeführt, das Feldmann, die die hausärztlichen Interessen vertritt, unterstützen sollte. Deren Kurs, der darauf abzielt, dass Haus- und Fachärzte in Zukunft eigenständiger ihre Belange regeln, lehnt Gassen ab. In der KBV gehe es darum, einen vernünftigen Interessenausgleich zu schaffen und Gesundheitspolitik so zu gestalten, dass sie Haus- und Fachärzten nütze. „Man kann in einem Amt in einer Körperschaft nicht eins zu eins die Berufspolitik seines Verbandes umsetzen“, erklärte der Vorsitzende des Spitzenverbands der Fachärzte Deutschlands mit Blick auf Feldmanns Nähe zum Deutschen Hausärzteverband. Außerdem könne man das Amt eines KBV-Vorstandes nur dann erfolgreich ausfüllen, „wenn man eine politische Legitimation hat, die über ein fehlgeschlagenes Abwahlverfahren hinausgeht“, betonte Gassen, der jetzt auch als Köhlers Nachfolger im Gespräch ist.

Köhler: KBV muss sich auf die Sacharbeit konzentrieren

Köhler selbst appellierte beim Empfang in Berlin an die ärztliche Selbstverwaltung, sich auf die Sacharbeit zu konzentrieren: „Letztendlich geht es bei allem, was wir tun, um Menschen. Und es geht um einen respektvollen Umgang mit diesen. Das gilt auch für uns selbst.“

Respekt und Anerkennung sprachen aus den Worten von BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery zum Rücktritt Köhlers: Man habe miteinander gestritten, aber in der Zusammenarbeit immer die Prinzipien der Kollegialität beachtet. „Wir sind oft zu konstruktiven Lösungen gekommen“, sagte der BÄK-Präsident. Außerdem habe er die Erfahrung gemacht, dass ein gemeinsames Auftreten der beiden großen Ärzteorganisationen in der Politik stets einen gewissen Eindruck hinterlassen habe.

Minister Gröhe gibt sich den Ärzten gegenüber kooperativ

An die ärztliche Kollegialität hatte zuvor bereits Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Gröhe appelliert. Mit Blick auf den Konflikt zwischen Haus- und Fachärzten erklärte der Minister: „Es würde mich freuen, wenn in der Selbstverwaltung Kollegialität noch besser gelänge.“ Dem scheidenden KBV-Chef zollte der Minister großen Respekt. Köhler habe durch seinen unermüdlichen Einsatz Herausragendes für die vertragsärztliche Versorgung geleistet.

Der erfahrene Unionspolitiker Gröhe ist ein Neuling in der Gesundheitspolitik. Sein Auftritt wurde deshalb mit Spannung erwartet. Der Minister gab sich den Ärzten gegenüber kooperativ: „Je mehr und je intensiver wir zusammenarbeiten, desto mehr profitieren die Menschen in unserem Land.“ Seine Ziele beschrieb Gröhe kurz und ohne ins Detail zu gehen: Die Weichen im Gesundheitssystem müssten so gestellt werden, dass dessen Leistungsfähigkeit auch angesichts des demografischen Wandels sichergestellt sei. Dafür sei es wichtig, das Problem des Ärztemangels insbesondere auf dem Land zu lösen und den ärztlichen Nachwuchs zu fördern. Gröhe zufolge müssen sich dafür unter anderem die Zugangsvoraussetzungen zum Medizinstudium ändern. Der Zugang zum Studium dürfe nicht länger in erster Linie von der Abiturnote abhängen. „Wir müssen die Diskussion um das Medizinstudium 2020 beginnen“, sagte der Minister.

Konkreter hatte sich am Abend zuvor die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Annette Widmann-Mauz (CDU), beim Neujahrsempfang des Deutschen Hausärzteverbandes ebenfalls in Berlin geäußert. Die schwarz-rote Bundesregierung wolle ihre im Koalitionsvertrag vereinbarten Verbesserungen für die Hausärzte zügig umsetzen. „Die Bedeutung der Rolle der Hausärzte ist uns bewusst“, sagte Widmann-Mauz vor etwa 250 Gästen aus Ärzteschaft, Politik und Verbänden im Gesundheitswesen. Ohne eine ausreichende Zahl an Hausärzten sei die qualitativ hochwertige flächendeckende Versorgung einer alternden Bevölkerung nicht zu gewährleisten. Die Staatssekretärin versprach, dass die Große Koalition Hindernisse zügig abbauen und damit Perspektiven auch für den hausärztlichen Nachwuchs schaffen wolle.

Koalition will Verbesserungen für Hausärzte zügig umsetzen

Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD Forderungen des Hausärzteverbandes aufgegriffen. Danach sollen künftig die Ver­tre­ter­ver­samm­lungen der Kassenärztlichen Vereinigungen und der KBV zu gleichen Teilen aus Haus- und Fachärzten bestehen, die eigenständig über ihre jeweiligen Belange entscheiden. Zusätzlich soll die Möglichkeit geschaffen werden, rein hausärztliche Medizinische Versorgungszentren zu gründen. Außerdem sollen die Krankenkassen auch weiterhin verpflichtet sein, ihren Versicherten eine hausarztzentrierte Versorgung anzubieten. Die bislang geltenden Vergütungsbeschränkungen für die Hausarztverträge zwischen Hausärzteverbänden und Krankenkassen sollen fallen. Allerdings müsse man hier über alternative Instrumente nachdenken, die die Wirtschaftlichkeit der Versorgung sicherstellen, schränkte Widmann-Mauz ein.

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, hatte angesichts dieser Zusagen allen Grund für Optimismus: „2014 wird ein spannendes Jahr. Es stehen entscheidende Weichenstellungen an, um die hausärztliche Versorgung für die Zukunft zu sichern.“

Heike Korzilius

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