ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2014Interview mit Prof. Dr. med. Klaus Dörner, Psychiater: „Fürs Helfen ansprechbarer geworden“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Klaus Dörner, Psychiater: „Fürs Helfen ansprechbarer geworden“

Dtsch Arztebl 2014; 111(5): A-168 / B-148 / C-142

Hibbeler, Birgit; Gerst, Thomas

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Klaus Dörner, Jahrgang 1933, war von 1980 bis 1996 ärztlicher Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie in Gütersloh. Lange schon wirbt er für neue Formen der Versorgung alter Menschen. Seine wichtigsten Buchtitel dazu: Leben und sterben, wo ich hingehöre, Neumünster 2007, und Helfensbedürftig, Neumünster 2012, beide Paranus Verlag. Foto: picture alliance/Axel Heimken für Deutsches Ärzteblatt
Klaus Dörner, Jahrgang 1933, war von 1980 bis 1996 ärztlicher Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie in Gütersloh. Lange schon wirbt er für neue Formen der Versorgung alter Menschen. Seine wichtigsten Buchtitel dazu: Leben und sterben, wo ich hingehöre, Neumünster 2007, und Helfensbedürftig, Neumünster 2012, beide Paranus Verlag. Foto: picture alliance/Axel Heimken für Deutsches Ärzteblatt

Einen grundsätzlichen Wandel verzeichnet Klaus Dörner auf seinen Reisen durch Deutschland: Die Bereitschaft, sich im nachbarschaftlichen Umfeld sozial zu engagieren, nimmt zu.

Bürgerschaftliches Engagement für Hilfsbedürftige – wird dies künftig ein zentrales Thema in unserer Gesellschaft sein?

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Dörner: Das wird eine zunehmende Rolle spielen – und nicht nur deshalb, weil man gar nicht genug Menschen, wie künftig gebraucht werden, dazu bewegen kann, einen helfenden Beruf zu ergreifen. Man kann feststellen, dass die Bereitschaft der Bürger, ihr Nachbarschaftsgen zu mobilisieren, größer geworden ist, dass sie fürs Helfen ansprechbarer geworden sind.

Auf meinen Reisen durch Deutschland frage ich die Leute immer wieder, warum sie sich ihre schöne Freizeit zerstückeln und sich für fremde andere nachbarschaftlich engagieren. Dann kommt oft die Antwort: Sie könnten nicht mehr so gut Nein sagen auf Hilfegesuche, wie das früher der Fall war. Ich finde es gut, dass dies in der Regel so nüchtern betrachtet wird.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von „Helfensbedürftigkeit“.

Dörner: Das hat aber nichts damit zu tun, dass man barmherzig ist, um dereinst im Himmel den Lohn davonzutragen. Sondern es wird meistens ganz nüchtern mit Gesundheit begründet. Gerade die jungen Rentner merken, dass man gar nicht 24 Stunden lang nur etwas Gutes für sich selbst tun kann, sondern man braucht noch etwas anderes. Man kann auch durch Unterbelastung krank werden. Die Auslastung scheint zum neuen Gesundheitsideal zu werden. Egoismus und Altruismus gehen hier ineinander über.

Sie scheinen überzeugt davon , dass hierzulande tatsächlich etwas Neues in Bewegung gekommen ist?

Dörner: Ganz sicher hat sich in den letzten 30 Jahren etwas verändert. Wir leben meines Erachtens in einem Epochenumbruch. Lange Zeit bedeutete Fortschritt vor allem Individualisierung. Wir befinden uns jetzt in einer Übergangsphase, die natürlich auch durch den demografischen Wandel bedingt ist. Wir haben einen Überfluss an alten Menschen und müssen uns überlegen, wie wir damit umgehen.

Hat man in der Vergangenheit die Themen Hilfe und Mitmenschlichkeit zu sehr professionalisiert?

Dörner: Ja, denn diese Professionalisierung bot für viele die Möglichkeit, sich von dem ganzen Helfensaspekt abzuwenden und sich dem individuellen Wohlergehen zuzuwenden. Inzwischen hat man festgestellt, dass man nicht mehr alles mit professioneller Hilfe leisten kann und dass dies vielleicht auch ganz gut so ist. Wir sind leider noch nicht so weit wie die Dänen, deren Parlament einen befristeten Heimbaustopp beschlossen hat. Die Dänen sind so gezwungen, sich Alternativen bei der Versorgung alter Menschen auszudenken – etwa ambulante Wohnpflegegruppen.

Mit welchen konkreten Maßnahmen sollte man denn hierzulande beginnen?

Dörner: Das Beste, was uns passieren konnte, ist, dass sich die Politik bei dieser Entwicklung möglichst lange herausgehalten hat. Wenn es nun aber um die flächendeckende Versorgung – vor allem mit ambulanten Alternativen – gehen soll, reichen die vielen einzelnen Leuchttürme nicht mehr aus. Da muss insbesondere die Kommunalpolitik mitwirken. Dann geht es zum Beispiel um das Zurverfügungstellen von Grundstücken und logistische Unterstützung. Bloß nicht wieder zu viel, sonst funktioniert das nicht. Wir brauchen einen guten Bürger-Profi-Mix bei der Hilfe.

Welche Rolle können die Ärzte in diesem Prozess spielen?

Dörner: Ärzte haben sich bisher vornehm zurückgehalten. Das war kein Thema für sie. Insofern ist Wolfgang Hasselkus aus Rödental ein Pionier. Er ist einer der wenigen Ärzte, der sich in dieser Weise engagiert. In dem Maße, in dem sich Ärzte nicht nur für die Krankheiten ihrer Patienten, sondern auch für die Gesundheit ihres Sozialraums interessieren, könnte das anders werden.

Das Interview führten Dr. med. Birgit Hibbeler und Thomas Gerst.

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