ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2014Antihypertensiva: Erhöhen Kalziumantagonisten das Brustkrebsrisiko?

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Antihypertensiva: Erhöhen Kalziumantagonisten das Brustkrebsrisiko?

Dtsch Arztebl 2014; 111(5): A-174 / B-154 / C-148

Heinzl, Susanne

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Schon in den 1990er Jahren war von einem erhöhten Krebsrisiko bei einer Therapie mit Kalziumantagonisten berichtet worden. Die Ergebnisse waren jedoch uneinheitlich. Nun wurde der Einfluss einer Langzeitbehandlung mit verschiedenen Antihypertensiva auf das Risiko für duktale und lobuläre invasive Mammakarzinome bei postmenopausalen Frauen erneut untersucht.

Mit Hilfe des Cancer Surveillance Systems des Staates Washington wurden alle Frauen im Großraum Seattle (55 bis 74 Jahre) identifiziert, die zwischen Januar 2000 und Dezember 2008 an einem primären invasiven Mammakarzinom erkrankt waren. In die Fall-Kontroll-Analyse wurden 880 Frauen mit duktalem und 1 027 Frauen mit lobulärem invasivem Mammakarzinom einbezogen. Als Kontrolle dienten 856 Frauen ohne Brustkrebs. Alle Frauen wurden mit einem strukturierten Fragebogen interviewt und Herzerkrankungen, Bluthochdruck und antihypertensive Medikation erfasst. Frauen, die nie ein blutdrucksenkendes Medikament eingenommen hatten, dienten als Referenz. Als aktuelle Anwender galten Frauen, die für mindestens 6 Monate Blutdrucksenker einnahmen und sie aktuell in den ersten sechs Monaten nach der Brustkrebsdiagnose verwendeten. Frühere Anwenderinnen waren Frauen, die Antihypertensiva mindestens 6 Monate genommen, sie aber sechs Monate vor der Krebsdiagnose abgesetzt hatten. Kurzzeitanwenderinnen hatten Antihypertensiva weniger als 6 Monate erhalten.

In der Gesamtgruppe der Anwenderinnen war das Mammakarzinomrisiko nicht erhöht, aber zum Beispiel in der Subgruppe der Frauen, die aktuell Kalziumantagonisten über mindestens zehn Jahre einnahmen, und zwar für duktale (Odds Ratio [OR] 2,4; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 1,2–4,9; p = 0,04) und für lobuläre Mammakarzinome (OR 2,6; 95-%-KI 1,3–5,2; p = 0,01), unabhängig vom Estrogenrezeptor-Status. Andere Antihypertensiva erhöhten das Brustkrebsrisiko nicht. Ein möglicher Mechanismus der tumorfördernden Wirkung von Kalziumantagonisten könnte die Hemmung der Apoptose als Folge erhöhter intrazellulärer Kalziumspiegel sein.

Fazit: Daten einer aktuellen Studie stützen die These, dass eine Langzeittherapie mit Kalziumantagonisten das Brustkrebsrisiko erhöht. Die Studie sei methodisch erstklassig, heißt es im begleitenden Kommentar (2). Natürlich müsse die Therapie bei Frauen, die sie seit 9,9 Jahren einnehmen, nicht abgesetzt werden, denn dies sei eine Beobachtungsstudie, deren Ergebnisse nicht zu einer Änderung der klinischen Praxis führen könnten. Dem stimmt Prof. Dr. med. Heribert Schunkert, Direktor am Deutschen Herzzentrum in München, zu: „Es wurden fünf Medikamentenklassen untersucht mit einer Vielzahl von statistischen Vergleichen zwischen den Brustkrebspatientinnen und den Kontrollen, so dass auch durch Zufall ‚statistische Signifikanzen‘ auftreten können. So konnte für Diuretika kein Risiko festgestellt werden, obwohl dieselbe Arbeitsgruppe in einer früheren Untersuchung ein solches Risiko gefunden hatte.“ Überraschend sei, dass in der aktuellen Studie bei postmenopausalen Frauen kein Zusammenhang zwischen Übergewicht und Brustkrebsrisiko gefunden wurde.

Sollte sich die Hypothese der Studienautoren bestätigen, würde die Langzeittherapie mit Kalziumantagonisten zu einem wichtigen modifizierbaren Brustkrebsrisikofaktor (2). Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Li CI, et al.: Use of antihypertensive medications and breast cancer risk among women aged 55 to 74 Years. JAMA Intern Med 2013; 173: 1629–37. MEDLINE
  2. Coogan PF: Calcium-channel blockers and breast cancer. A hypothesis revived. JAMA Intern Med. 2013; 173: 1637–8. MEDLINE

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