ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2014Patientensicherheit: Gefährliche Zahlenspielchen

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Patientensicherheit: Gefährliche Zahlenspielchen

Dtsch Arztebl 2014; 111(5): A-147 / B-127 / C-123

Richter-Kuhlmann, Eva

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Viele Ärztinnen und Ärzte müssen dieser Tage ihre Patienten beruhigen, aufklären, Tatsachen in den Zusammenhang stellen: „Jedes Jahr sterben 19 000 Menschen durch Fehler im Krankenhaus, etwa fünfmal so viele wie durch Unfälle im Straßenverkehr“, verkündete die AOK anlässlich der Vorstellung des diesjährigen Krankenhausreportes des AOK-Bundesverbandes.

Das ist harter Tobak: plump und einseitig, aber dabei sehr eingängig. Er schürt bei der Bevölkerung Ängste, verunsichert, zerstört Vertrauen. Denn unerwähnt bleibt in der Regel bei den Zeitungsmeldungen und Radiobeiträgen, woher die Zahlen kommen, in welchem Verhältnis sie zu den ärztlichen Behandlungen insgesamt stehen und wie sich Ärzte für die Sicherheit ihrer Patienten engagieren. Auch dass es sich um ein subjektiv gefärbtes Zahlenspielchen der AOK handeln könnte, wird kaum diskutiert. Dabei ist eines klar: Angesichts der aktuellen Forderungen des neuen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ters nach mehr Qualität im Gesundheitswesen ist jetzt ein denkbar günstiger Zeitpunkt für die Kasse, das Thema Patientensicherheit aufzugreifen und damit gleich zu Beginn der neuen Legislaturperiode die altbekannte Forderung nach einer stärkeren Spezialisierung der Kliniken und nach Selektivverträgen mit einzelnen Häusern zu erneuern.

„Die Investitionsentscheidungen der Länder und die Kapazitäten der Kliniken müssen stärker an die Qualität des einzelnen Krankenhauses und an den tatsächlichen Bedarf in einer Region gekoppelt werden“, sagte Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes, bei der Vorstellung des Reports in Berlin und drängte auf eine „Modernisierung der Krankenhauslandschaft“ – womit er wohl Strukturen nach Wunsch der Kassen meint. Als Beleg für diesen Modernisierungsbedarf führen der AOK-Bundesverband und das Wissenschaftliche Institut der AOK in ihrem Krankenhausreport 2014 lediglich Hochrechnungen und Analysen des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen von 2007 (!) an. „Wir müssen aber nach wie vor davon ausgehen, dass bei fünf bis zehn Prozent aller Krankenhausbehandlungen ein unerwünschtes Ereignis stattfindet“, erklärte Prof. Dr. Max Geraedts, Leiter des Instituts für Gesundheitssystemforschung der Universität Witten/Herdecke und Mitherausgeber des Reports. Die Ärzte müssten stärker für das Thema Patientensicherheit sensibilisiert werden, eine Fehlerkultur etablieren und die bereits eingeführten Fehlerberichtssysteme stärker nutzen, betonte Geraedts.

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Dass auch Ärzten

Eva Richter-Kuhlmann, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Eva Richter-Kuhlmann, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Fehler unterlaufen – zum Teil übrigens auch unter dem Effizienzdruck der Kassen –, ist natürlich beklagenswert; der Vergleich mit der Zahl der Verkehrstoten jedoch eher kontraproduktiv: „Die deutsche Ärzteschaft ist das Problem frühzeitig und offensiv angegangen. Wir waren Initiatoren und sind Protagonisten dieses Themas“, betonte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery. Gleichzeitig verwies er auf das Verhältnis der Zahl der festgestellten Behandlungsfehler zur Gesamtzahl der etwa 18 Millionen Behandlungsfälle in den Krankenhäusern und den mehr als 540 Millionen Fällen im vertragsärztlichen Bereich. Betrachtet man nämlich die Gesamtzahl aller Behandlungsfälle in Deutschland, bewegt sich die Zahl der Behandlungsfehler im Promillebereich.

Eva Richter-Kuhlmann
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 1. Februar 2014, 14:58

AOK und WIdO-Zahlenspiele sind unwissenschaftlich und unverantwortlich!

Der Krankenhausreport 2014 des AOK-Bundesverbands argumentiert zum Thema Todesfälle durch ärztliche Behandlungsfehler unwissenschaftlich, unseriös und unverantwortlich.

In den Pressemitteilungen des AOK-Bundesverbandes und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) vom 21. 01. 2014 in Berlin argumentiert Prof. Dr. Max Geraedts, Leiter des Instituts für Gesundheitssystemforschung an der Universität Witten/Herdecke und Mitherausgeber: „Wichtig, aber häufig vernachlässigt wird vor allem der Einfluss einer entsprechenden Fehlerkultur im Krankenhaus auf die Patientensicherheit. Die Mitarbeiter müssen noch stärker für das Thema sensibilisiert und die bereits eingeführten Fehlerberichtssysteme besser genutzt werden, um aus eigenen Fehlern und den Fehlern anderer Krankenhäuser zu lernen“.

http://www.aok-bv.de/imperia/md/aokbv/presse/pressemitteilungen/archiv/2014/krankenhaus_report_2014_pressemappe_210114.pdf

Grob irreführend und frei von jeglicher Fehlerkultur sind seine konkreten Erläuterungen. Prof. Geraedts spricht von: "Geschätzter Anteil und Anzahl Fälle mit patientensicherheitsrelevanten Ereignissen (PSRE) in Krankenhäusern Deutschlands (Bezugsjahr 2011) – Berechnung auf der Basis der Angaben des Sachverständigenrats-Gutachtens 2007". Auf der Basis von "Schätzungen", die drei bzw. sieben Jahre alt sind und somit rein zeitlich gar nicht miteinander korrelieren können, wird fiktiv auf ein Jahr 2014 hochgerechnet, das bei Drucklegung eines Krankenhausreport 2014 noch gar nicht begonnen hat ("geschätzte Häufigkeit bezogen auf 18,8 Millionen Behandlungsfälle 2011").

Sein "Statement" vom 21.1.2014 lautete: „Fehler kommen mit einer Häufigkeit von rund einem Prozent aller Krankenhausfälle vor und tödliche Fehler mit einer Häufigkeit von rund einem Promille. Ein Fall von 1.000 bedeutet auf dem heutigen Versorgungsniveau rund 19.000 Todesfälle in deutschen Krankenhäusern pro Jahr auf der Basis von Fehlern – das sind fünfmal so viele Todesfälle wie im Straßenverkehr.“

Abgesehen davon, dass in diesem Statement das Bezugsjahr 2011 fehlt, ist es völlig unlogisch, Tote und Sterben in Krankenhäusern mit Verkehrstoten zu vergleichen. Unterschlagen wird dabei, dass es sich bei Krankenhauspatienten um kritisch Kranke handelt, eine gegenüber i. d. R. gesunden Straßenverkehrs-Teilnehmern überalterte Klientel mit vitalen körperlichen, mentalen, kognitiven und perzeptiven Defiziten bzw. Risikofaktoren: Akut und/oder chronisch multimorbide Patienten mit erhöhter Dekompensations-, Sturz- und Mortalitätsgefahr. Selbst palliativ, präfinal oder terminal Kranke werden mit hohem Mortalitätsrisiko stationär therapiert, deren Teilhabe am Straßenverkehr a priori ausgeschlossen ist.

Alte, chronische und krisenhaft kritische Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK), Myokardinfarkt (MI), Schlaganfall (Stroke), Krebs, Metastasen, Infektionen, Sepsis, Asthmastatus, COPD-Exazerbation, peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK), Rheumaschüben, Kollagenosen, Systemerkrankungen, degenerativen und entzündlichen Gelenkerkrankungen, hypertensiven Krisen, Herz-, Nieren-, Leber-, Pankreas-Insuffizienz, Diabetes, Darm­er­krank­ungen, Beatmungspflichtigkeit und Multiorganversagen müssen ebenso stationär versorgt werden wie Selbst- und Fremdgefährdung, Suchtkrankheiten, Suizidalität, Psychosen, Neurosen, Drogen- und Alkoholabhängigkeit, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Zwangskrankheiten. Nicht zu vergessen Unfall-, Verletzungs- und Verbrennungsopfer bzw. alle interventionellen Patienten der verschiedenen operativen Fachdisziplinen. Sie müssen mit hohem Personaleinsatz in Pflege und Klinik auf Intensivstationen (ICU), Intermediate Care (IMCU), Stroke Unit (SU), Katheterlabor, Endoskopie, OP, Wachstation, Funktions- und Versorgungsabteilungen prä-, peri- und postinterventionell krankenpflegerisch und ärztlich versorgt werden.

Dagegen sind Straßenverkehrsteilnehmer i. d. R. im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Kräfte unterwegs. Allenfalls mit einem verschwindend geringen Prozentsatz auf Klinik-Parkplätzen unterwegs, um eine minimale Schnittmenge nicht außer Acht zu lassen. Die meisten Verkehrsunfälle mit möglicherweise tödlichem Ausgang ereignen sich nach kriminellem, vorsätzlichem, grob fahrlässigem oder nachlässigem Fehlverhalten bzw. nachweisbaren Regelverstößen bei oft grundsätzlich mit höherem Risikoverhalten agierenden Verkehrsteilnehmern. Dank moderner, protektiver Fahrzeugtechnik und aktivem Insassenschutz, verbesserter Verkehrs-Infrastrukturen, intelligenter Notfall- und Rettungssysteme, kardiopulmonaler Reanimation (CPR) und einer hochentwickelten Traumatologie/Unfallchirurgie ist die Zahl der Verkehrstoten von jährlich 19.000 in 1970 auf etwa 4.000/Jahr (2011) zurückgegangen.

Zur Vermeidung weiterer abwegiger Analogieschlüsse im „Krankenhausreport 2014“ sei hier betont, dass die überwiegende Mehrheit der Verkehrstoten Dank moderner Rettungs-Verbundsysteme die Kliniken noch lebend erreichen und dort nur zu einem geringen Anteil e n t g e g e n allen medizinischen und pflegerischen Bemühungen, Notfall-OP und Intensivmaßnahmen Trauma-bedingt versterben. Und nicht, w e i l man mit h o h e r Fehlerquote im Krankenhaus um das Leben jedes Einzelnen kämpft.

Vielleicht gibt es ja auch Vorschläge zur Verbesserung der Fehlerkultur in der Gesundheitssystemforschung?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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