ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2014Magendekontamination bei Vergiftungen
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Es wird einmal mehr festgestellt, der Effekt der Magenspülung sei nicht sicher und nur bei lebensbedrohlichen Vergiftungen innerhalb von Minuten post ingestionem „zu erwägen“ (1). Diese „Unschärfe“ erfordert einen genaueren Blick auf die Sekundärliteratur.

Im zitierten Konsensusartikel (2) wird die Datenlage anhand Tierstudien, Freiwilligenstudien, experimentellen Patientenstudien, Kasuistiken und klinischen Studien aktualisiert. Erstere haben sicher nichts mit der klinischen Situation gemein. Interessanterweise zeigten mehrere Kasuistiken positive Verläufe mit Magenspülung und Endoskopie. Zur Rubrik Klinische Studien: hier werden Studien zwischen 1942–1966 zitiert, die die Intoxikationsdosis und den Zeitfaktor nicht berücksichtigten. Weitere Zitate (Review von 56 kleinen und heterogenen ausschließlich chinesischen Studien) ergeben schlichtweg ein widersprüchliches Bild. Zahlreiche Studien mit den bekannten möglichen Komplikationen der Magenspülung werden erwähnt. Der ungesicherte Atemweg wird als Kontraindikation betont. Die Rolle der Endoskopie in der Detoxikation (auch ohne gesicherten Atemweg durchführbar) wird gar nicht erwähnt. Dennoch haben in einer internationalen Umfrage am Beispiel einer Acetaminophen-Intoxikation sechs von elf Giftinformationszentren die Magendekontamination befürwortet (3). Soweit zur Datenlage. Die Empfehlungen werden hier seit Jahren voneinander abgeschrieben. Bei Fällen lebensbedrohlicher Intoxikation müssen alle verfügbaren Möglichkeiten der Detoxikation ausgeschöpft werden. Hierzu zählt auch die Magendekontamination. Ein nicht mit kontrollierten Studien nachgewiesener Nutzen ist in einer solchen Situation kein Gegenargument. Auch der Zeitfaktor ist bei Substanzen mit enterohepatischem Kreislauf kein Argument. Uns sind wiederholt Fälle präsent, in welcher die nicht oder verzögert durchgeführte Magen-Darm-Dekontamination zu ungünstigen Verläufen führte. Gerade unter dem didaktischen Aspekt ist die sorgfältigere Differenzierung dieses Sachverhaltes in Übersichtsartikeln und in der Beratung der Giftinformationszentren erforderlich.

DOI: 10.3238/arztebl.2014.0100a

Dr. med. Christian Marx

Innere Medizin/Nephrologie, Notfallmedizin, Nordhausen

c.marx@dialyse-nordhausen.de

Dr. med. Manfred Marx

Innere Medizin/Nephrologie, Internistische Intensivmedizin, Nordhausen

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Müller D, Desel H: Common causes of poisoning-etiology, diagnosis and treatment. Dtsch Aerztebl Int 2013; 110: 690–700 VOLLTEXT
2.
Benson BE, Hoppu K, Troutman WG, et al.: Position paper update: gastric lavage for gastrointestinal decontamination. Clin Toxicol (Phila) 2013; 51: 140–6 CrossRef MEDLINE
3.
Good AM, Kelly CA, Bateman DN: Differences in treatment advice for common poisons by poisons centres—an international comparison. Clin Toxicol (Phila) 2007; 45: 234–9 CrossRef MEDLINE
1.Müller D, Desel H: Common causes of poisoning-etiology, diagnosis and treatment. Dtsch Aerztebl Int 2013; 110: 690–700 VOLLTEXT
2.Benson BE, Hoppu K, Troutman WG, et al.: Position paper update: gastric lavage for gastrointestinal decontamination. Clin Toxicol (Phila) 2013; 51: 140–6 CrossRef MEDLINE
3.Good AM, Kelly CA, Bateman DN: Differences in treatment advice for common poisons by poisons centres—an international comparison. Clin Toxicol (Phila) 2007; 45: 234–9 CrossRef MEDLINE

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