ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1999Zwangspensionierung/Kassenärzte: „Machen Sie den Jungen Platz!“

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Zwangspensionierung/Kassenärzte: „Machen Sie den Jungen Platz!“

Szczeponik, Norbert

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LNSLNS In diesem Jahr werden erstmals Kassenärzte aus Altersgründen ihre Zulassung verlieren. Der Autor des folgenden Beitrags - ein "freiwillig Betroffener" - plädiert für die umstrittene Regelung.
Seit sechs Quartalen bin ich jetzt schon freiwillig glücklicher gesunder Frührentner - unter Dauerverzicht auf einen kleinen Teil der Rente (8,1 Prozent; für jeden Monat vor dem 65. Geburtstag 0,3 Prozent). Die Praxis habe ich an meinen Sohn weitergegeben. Nach elf Jahren Klinik-Assistenz war ich 28 Jahre lang niedergelassener Internist in Freiburg. Ich finde, daß ich genug gearbeitet habe (in den ersten Klinikjahren bis zu 110 Wochenstunden). Wenn ich meine absolvierte Lebensarbeitszeit auf eine 40-Stunden-Woche umrechne, wäre ich jetzt nicht 64, sondern ungefähr 84 (manch anderer Kollege wohl 105 oder so). Ich weiß also, wovon ich rede.
Ich denke, die meisten Kollegen meiner Generation haben einen ähnlichen Berufsablauf hinter sich und werden mit mir einer Meinung sein, daß doch irgendwann Schluß sein sollte, und zwar vor dem endgültigen Nachlassen der Fähigkeiten. Ähnliches empfiehlt sich auch für Sänger; aus gutem Grund müssen Piloten oder Lokführer ihr Steuer noch wesentlich früher aus der Hand geben als wir. Wir Ärzte haben keineswegs weniger Verantwortung für unsere Patienten als die Piloten für ihre Passagiere; auch unser Fehlverhalten kann Leben kosten!
Sicherlich gibt es Ausnahmen, zum Beispiel Psychiater, Psychotherapeuten, Analytiker, bei denen Berufs- und Lebenserfahrung, gepaart mit Altersweisheit, sogar noch nach dem 68. Lebensjahr eine fruchtbare und segensreiche Berufsausübung zulassen. Ähnliches kann für nicht "handwerklich" tätige ältere Klinikchefs oder Ordinarien gelten, die ja für die medizinische Basisarbeit ihre jüngeren Leute haben.
Nicht mehr up to date
Nach meiner Überzeugung ist jedoch eine Kollegin oder ein Kollege auch bei fleißigstem Besuch von Kongressen und Fortbildungsabenden sowie eifrigster Lektüre von Fachliteratur ab etwa dem 60. Lebensjahr (meist sogar früher) einfach nicht mehr up to date. Mit zunehmender Entfernung von der Quelle - also der Klinik mit ihrer automatisch ablaufenden Dauerfortbildung - stagniert beim niedergelassenen Arzt der Wissenszuwachs; die Routine in der Beherrschung von Notfallmaßnahmen et cetera geht unweigerlich verloren. Selbst wenn man davon eventuell noch einiges bis zum 60. oder 65. Lebensjahr hinüberretten kann, so ist weitere drei oder mehr Jahre später mit Sicherheit kaum noch etwas davon da. Wenn Sie mit einem frischen Infarkt auf dem Teppich lägen, für welchen von zwei möglichen Helfern würden Sie sich entscheiden, wenn Sie die Wahl hätten: für einen "erfahrenen" 68jährigen Kollegen, der sich noch zum Arztsein "berufen fühlt" (Zitat vieler Pensionierungsgegner), oder für einen 48jährigen, der noch mitten drin ist? Für mich wäre diese Entscheidung weiß Gott nicht schwer.
Darum möchte ich dringend an alle Kolleginnen und Kollegen appellieren, die sich dem 65. Lebensjahr nähern oder es schon überschritten haben: Legen Sie rechtzeitig das Stethoskop aus der Hand, und besinnen Sie sich darauf, daß es auch außerhalb des Sprechzimmers ein interessantes und erfülltes Leben geben kann. Denken Sie an Ihren Mann/Ihre Frau; lesen Sie endlich einmal die Bücher, die seit Jahrzehnten in Ihrem Bücherschrank verstauben; gehen Sie einmal in Ruhe ins Kino, Theater oder Konzert; beginnen Sie mit den schönen Reisen, von denen Sie schon immer träumten; schenken Sie Ihren Enkelkindern einen Teil der Zuwendung, die Sie Ihren Kindern vor lauter Arztsein nicht geben konnten! Die Empfehlungsliste ist eigentlich unerschöpflich.
"Seien Sie sich im klaren: Niemand ist unersetzbar"
Wer es doch nicht ganz lassen kann, der findet mit Sicherheit auch eine karitative Nebenbeschäftigung, die seinen Helfer-Wünschen entspricht. Und seien Sie sich im klaren: Niemand ist unersetzbar; die Patienten werden auch von Ihrem Nachfolger bestens versorgt (vielleicht sogar noch besser); kaum ein Arzt wird heute noch ohne ausreichende Altersversorgung sein, und die meisten von uns werden ja auch trotz Ehrenberg, Blüm, Seehofer und jetzt Frau Fischer ganz ordentlich verdient und sicherlich auch etwas zurückgelegt haben. Im übrigen kommt man im Golf fast genauso gut voran wie im Daimler; im preiswerten Landgasthof schläft und ißt man nicht schlechter als im Sternehotel.
Und last not least: Machen Sie doch einfach den Jungen Platz! Mit jeder Praxis-Weitergabe (solange es noch geht!) bewahren Sie einen weiteren Mediziner vor der Arbeitslosigkeit (es gibt schon viel zu viele); es wird also geradezu zur Ehrenpflicht! Sie sehen also: Keiner muß sich bis zum 68. Lebensjahr durchquälen; ein entsprechendes Gesetz sollte eigentlich gar nicht nötig sein. Mit Ihrem rechtzeitigen und freiwilligen Rückzug von der medizinischen Bühne können Sie nur Gutes tun - für alle Beteiligten!


Dr. med. Norbert Szczeponik
Franz-Schneller-Straße 4
79194 Gundelfingen

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