THEMEN DER ZEIT

Sexuelle Orientierung: Variationsvielfalt jenseits der Pathologie

Dtsch Arztebl 2014; 111(6): A-214 / B-182 / C-178

Mahler, Lieselotte

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Foto: Fotolia/franzgustincich
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Homosexualität gehört zur natürlichen sexuellen Orientierung und bedarf keiner Therapie – so die eindeutige Stellungnahme des Weltärztebundes*.

Trotz der formalen Entpathologisierung von Homosexualität, indem sie als Diagnose aus der DSM- (1973) und ICD-Klassifikation (1991) gestrichen wurde, zeigt sich in aktuellen internationalen wie nationalen Diskussionen und Ereignissen weiterhin eine alarmierende Stigmatisierung und Diskriminierung homosexueller Menschen. Die Bandbreite reicht dabei von subtiler Homophobie, offener Ablehnung, verbaler und körperlicher Gewalt bis hin zu strafrechtlichen Sanktionen, wie Zwangsbehandlungen, Haft- und Todesstrafen. Im Gastgeberland der diesjährigen Olympischen Winterspiele, Russland, hat die Einführung des Gesetzes gegen „Homosexuellen-Propaganda“ zu einer Welle von Gewalt und Hetze gegen LGBT-Frauen und -Männer (lesbian, gay, bisexual, transgender) geführt. Die „theoretischen“ Grundlagen des Gesetzes zeigen erneut, dass noch nicht einmal ein Konsens darüber besteht, dass Homosexualität eine natürliche sexuelle Orientierung darstellt.

Ein wichtiger und überfälliger Schritt war es daher, dass auf der 64. Generalversammlung des Weltärztebundes im Oktober 2013 mehrheitlich als Eilpetition eine Stellungnahme zum Thema verabschiedet wurde (1). In dieser Stellungnahme wird unter anderem eindeutig festgehalten, dass Homosexualität keine Krankheit ist und daher keinerlei Heilung bedarf. Zudem wird aufgezeigt, dass direkte und indirekte Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung häufige Ursachen für psychische und physische Erkrankungen sind. Weiterhin lehnten die Delegierten des Weltärztebundes sogenannte Reparations- oder Konversionstherapien, also „Therapien“, die ein heterosexuelles oder asexuelles Verhalten zum Ziel haben, strikt ab. Diese seien nicht nur unwirksam und unethisch, sondern hätten gravierende Negativfolgen für die Gesundheit.

Der Text für die Stellungnahme wurde von der Bundes­ärzte­kammer in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Psych- iatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) erarbeitet und gemeinsam mit der französischen Ärztekammer und der British Medical Association beim Weltärztebund eingereicht.

Notwendige Feststellungen

Eine solche Stellungnahme aus der Weltärzteschaft ist von besonderer Bedeutung, denn auch im ärztlichen und therapeutischen Bereich bestehen noch häufig Ambivalenzen und Verunsicherung im Umgang mit Homosexualität (2). Eine latente oder manifeste Zuschreibung von Homosexualität als Erkrankung oder Entwicklungsstörung ist nach wie vor verbreitet. Ein Grund dafür mag sein, dass ein offener und nachhaltiger Diskurs über Ursachen, Auswirkungen und Definitionen sexueller Orientierung nach der „offiziellen Entpathologisierung“ zum Erliegen kam.

Es sollten sich aber insbesondere die im medizinisch-therapeutischen Kontext Tätigen ihrer besonderen Verantwortung bewusst sein. So bilden gerade medizinisch falsche Annahmen und unwissenschaftliche Argumentationen die Grundlage für die weltweit vorzufindende gesellschaftliche Diskriminierung. Beispielsweise argumentieren Vertreter von „Konversionsverfahren“, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen durch Verhaltensveränderung oder -unterlassung sowie durch die Übernahme einer „eindeutigen Geschlechterrolle“ wechselbar sei. Ein von den Golfstaaten geplanter „medizinischer Test auf Homosexualität“ will wiederum aufgrund von Stimulation (unter anderem durch einen „Analtest“) homosexuelle Menschen enttarnen, um ihnen die Einreise in diese Länder zu verwehren. Ein medizinisch-wissenschaftlich abstruses und ethisch verwerfliches Unterfangen. Das Duma-Gesetz gegen „Homosexuellen-Propaganda“ will Jugendliche davor „schützen“, zur Homosexualität verführt zu werden und vergleicht Homosexualität mit einem ansteckenden Virus, gegen den das Volk „geimpft“ werden müsse.

Auch in den aktuellen Diskussionen in Deutschland wird Homosexualität oft als „frei gewählter Lebensstil“ oder als „Modeerscheinung“ gewertet. Neben der offenen Diskriminierung bergen solche Grundannahmen hohe Risiken für die gesundheitliche Entwicklung von Menschen mit nichtheterosexueller Orientierung. Durch direkte oder indirekt erfahrene Diskriminierung ( auch „minority stress“ ) kommt es zu einer höheren Prävalenz psychischer Störungen bei Menschen mit homo- oder bisexueller Orientierung (35).

Sie entwickeln häufiger affektive Störungen, Angststörungen und Substanzmissbrauch (6), und zudem besteht eine dreifach erhöhte Suizidrate bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit homo- oder bisexueller Orientierung (79). Diese Zahlen sind alarmierend und zeigen, wie wichtig fundiertes Wissen und eine klare ethische Positionierung insbesondere im medizinisch-therapeutischen Kontext sind.

Weder anerzogen noch verführt

Die sexuelle Orientierung ist eine mehrdimensionale und individuell flexible Zusammensetzung aus der sexuellen und emotionalen Anziehung zum eigenen (homo), zum anderen (hetero) oder zu beiden (bisexuell) Geschlechtern, einschließlich erotischer Fantasien, sexueller Aktivität und Bedürfnis nach Liebe und Emotionen. Diese Komponenten können in einem Individuum kongruent oder diskongruent existieren. Sexuelle Orientierungen beschränken sich eben nicht auf das sexuelle Verhalten, sondern schließen vielmehr Verlangen, Fantasien und Attraktion mit ein. Ob ein Mensch überwiegend oder ausschließlich homo- oder heterosexuell empfindet, ist daher nie soziokulturell beeinflussbar: Man kann weder zur hetero- noch zur homosexuellen Orientierung erzogen, verführt, geworben, oder therapiert werden. Darüber hinaus muss aufgrund der Mehrdimensionalität der sexuellen Orientierung sowie aufgrund der Vielfältigkeit des Auslebens das Konstrukt einer Dichotomie in „die Heterosexualität“ und „die Homosexualität“ grundsätzlich infrage gestellt werden (10).

Das Erkennen und die Akzeptanz der subjektiven Erfahrungen der eigenen sexuellen Orientierung nennt man „sexuelle Identität“ oder „Selbstidentifizierung“. Kann die homosexuelle Orientierung in das Selbstkonzept, in die Persönlichkeit integriert werden, so entwickelt sich eine homosexuelle Identität/Selbstidentifikation, auf deren Grundlage Partnerschaften, soziales Umfeld, Familiengründung et cetera gestaltet werden können.

Dieser Prozess wiederum ist stark beeinflusst durch die jeweiligen familiären und soziokulturellen Umstände: Es gibt eine Anzahl von Menschen, die sich emotional und sexuell anhaltend zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen, aber kein oder ein verborgenes homosexuelles Verhalten zeigen und sich als heterosexuell identifizieren. Hintergrund ist oft eine internalisierte (die Angst davor, die eigene Homosexualität oder homosexuelle Impulse zu akzeptieren) oder externale Homophobie (die Angst vor Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt oder juristischen Sanktionen).

Weder für die Entwicklung einer heterosexuellen noch einer homosexuellen Orientierung gibt es spezifische Sozialisations-, Erziehungs-, Gesellschafts- oder Religionsbedingungen (11). Dies ist aus zweierlei Gründen logisch nachvollziehbar: Erstens gab es „Homosexualität“ zu allen Zeiten und in allen Kulturen, welche durchweg von Heterosexismus (gesellschaftliches und institutionalisiertes Denk- und Verhaltenssystem, das Heterosexualität als die einzige geltende Norm annimmt) geprägt waren oder sind, und zweitens stammen Kinder, die später eine homosexuelle Orientierung entwickeln, nahezu ausschließlich aus heterosexuellen Beziehungen oder Kontexten.

Coming-out ist nicht „in“

Trotz steigender Akzeptanz von Homosexualität ist das Coming-out immer noch ein schmerzhafter, oft langjähriger Prozess (12). Die Erfahrung, einer Minderheit anzugehören, stellt bei der sexuellen Orientierung im Vergleich zu anderen Gruppen, wie zum Beispiel Ethnien, eine Besonderheit dar. Während bei der ethnischen Herkunft die Gruppenzugehörigkeit „offensichtlich“ ist und die Erfahrung, zu einer Minderheit zu gehören, mit der Familie und anderen geteilt wird, ist das „Anderssein“ bei Menschen mit homosexueller Orientierung etwas, was von außen nicht erkennbar ist (13). Nicht bei allen Menschen verläuft dieser Prozess linear, und nicht immer werden alle Schritte durchlaufen. Oft wird dieser Prozess von massiven (Verlust-) Ängsten, Depressionen, sozialem Rückzug, Scham- und Schuldgefühlen begleitet.

Ein gesellschaftlicher Konsens, dass die sexuelle Orientierung sowohl hetero als auch homo als auch beides sein kann, scheint noch in weiter Ferne. Stigmatisierung und pathologisierende Zuschreibungen aller nichtheterosexuellen Orientierungen findet man auch hierzulande noch lange nach der „offiziellen Entpathologisierung“. Es halten sich veraltete krude Theorien und unwissenschaftliche Argumentationen. Umso wichtiger ist das vom Weltärztebund veröffentliche Positionspapier als ärztlich-ethische Richtlinie.

Dr. med. Lieselotte Mahler

Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie

Oberärztin an der PUK der Charité

Vorsitzende des DGPPN-Referats „Sexuelle Orientierung in Psychiatrie und Psychotherapie“

@Literatur im Internet: www.aerzteblatt.de/lit0614

*Stellungnahme des Weltärztebundes unter: www.aerzteblatt.de/14208

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1.
WMA Statement on Natural Variations of Human Sexuality. Adopted by the 64th General Assembly, Fortaleza, Brazil, October 2013. www.wma.net/en/30publications/10policies/s13.
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