TECHNIK

Software: Schwerpunkt Anamnese

Dtsch Arztebl 2014; 111(6): A-230 / B-197 / C-191

Ervenich, David

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Der „Anamneseguide“ soll Ärzte schneller zur korrekten Diagnose führen und das Risiko von Fehldiagnosen minimieren.

Bildschirmansicht der Software zur Diagnoseunterstützung als Webservice (rechts) sowie Darstellung der Software als iPhone-Applikation
Bildschirmansicht der Software zur Diagnoseunterstützung als Webservice (rechts) sowie Darstellung der Software als iPhone-Applikation

Seltene Krankheiten, atypische klinische Verläufe, psychosomatische Störungen – gerade bei komplexen Krankengeschichten werden entscheidende Hinweise oft übersehen. Fehldiagnosen und erfolglose Therapien sind die Konsequenz für Patienten, Ärzte und Versicherungen. Nicht nur bei seltenen Erkrankungen vergehen oft Jahre, bis endgültig die richtige Diagnose gestellt wird.

Inzwischen ist nachgewiesen, dass 15 Prozent aller gestellten Diagnosen falsch sind, das heißt, auch nach berücksichtigter Verlaufsbeobachtung wird die korrekte klinische Ursache der Beschwerden erst zu spät erkannt*. Studien haben die Außerachtlassung relevanter Differenzialdiagnosen, also das verfrühte Abschließen mit einem Fall (sogenannter premature closure), als die Hauptquelle für Fehldiagnosen identifizieren können.

Kann eine Software in diesem Problemfeld sinnvolle Lösungsansätze bieten? Ja, sie kann, vorausgesetzt, sie versucht die Fähigkeiten des Anwenders zu ergänzen, anstatt diese zu ersetzen. Sinn und Zweck der Software soll nicht darin bestehen, dem Arzt eine einzelne, endgültige und definitive Diagnose als richtige Antwort zu präsentieren, sondern vielmehr soll sie den Anwender in seinen eigenen Überlegungen unterstützen und einen neuen Blick auf die Teile des Puzzles ermöglichen.

Die Software „Anamneseguide“ setzt hier an: Sie hilft dem Arzt, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen zu stellen, unabhängig von seinem Fachgebiet und Blickfeld. Auf diese Weise wird die Patientengeschichte nach wichtigen Hinweisen „abgeklopft“, und Puzzlestücke, die zuvor übersehen, verschwiegen oder nicht als relevant wahrgenommen wurden, können entdeckt werden. Die Software führt den Arzt schneller zur korrekten Diagnose, und das Risiko einer Fehldiagnose oder Fehlbehandlung wird minimiert. Gleichzeitig stellt der Anamneseguide mit seinem Fokus auf Anamnese und klinische Befunde einen Gegenpol zum überbordenden Einsatz der Apparatemedizin dar, können doch fast 70 Prozent aller Diagnosen allein mit Hilfe von Anamnese und klinischer Untersuchung gestellt werden.

Die Software vereint die Anamnesefunktion mit einer Diagnosendatenbank. Anhand der Symptome und Laborwerte, die der Nutzer manuell eingibt, stellt der Anamneseguide detaillierte anamnestische Fragen nach weiteren Symptomen, Risikofaktoren oder Vor- und Begleiterkrankungen, die sich auf die zum jeweiligen Zeitpunkt wahrscheinlichsten Diagnosen beziehen. Technisch greift die Software dafür auf ein künstliches neuronales Netz zurück, um weiterführende Fragen auszuwählen und Antworten in Form von Differenzialdiagnosen zu generieren. Gleichzeitig sind die Algorithmen der Software darauf ausgerichtet, auch weniger wahrscheinliche Diagnosen in den „Überlegungen“ zu berücksichtigen.

Zusätzlich zu den eingegebenen Symptomen greift die Software auf Alter und Geschlecht des Patienten sowie auf die Prävalenz von Diagnosen zurück, um die Ergebnisse zu gewichten. Dabei wird allerdings auf die Verwendung klassischer stochastischer Modelle verzichtet, da diese die Ergebnisse zugunsten von Diagnosen mit hoher Prävalenz verfälschen würden.

Die Anamneseguide-Software befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium der Entwicklung und wird voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2014 klinisch validiert werden. Sie steht in ihrer Grundfunktionalität als Webservice kostenfrei zur Verfügung und benötigt keinerlei Installation (www.anamneseguide.de). Zusätzlich gibt es sie als native iPhone-App.

David Ervenich

@Informationen:
anamneseguide.de

*Berner EB, Graber ML: Overconfidence as a Cause of Diagnostic Error in Medicine. The American Journal of Medicine 2008; Vol 121(5A): 2–23

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    dr.med.thomas.g.schaetzler
    am Mittwoch, 12. Februar 2014, 23:56

    @ doctoroo

    Herzlichen Dank für Recherche, Analyse und Schlussfolgerung. Ich wünsche mir mehr solche geist- und gehaltvollen Kommentare! MfG
    doctoroo
    am Mittwoch, 12. Februar 2014, 10:21

    Nur ein elektronischer Fragebogen

    Die Applikation ist ein elektronischer Fragebogen, der regelbasiert den Arzt unterstützen soll. Als Auto des Artikel ist David Ervenich Geschäftsführer der AKS Aeskulap Kommunikations-Systeme GmbH in Bonn angegeben. Die AKS produziert die vorgestellte Software Ihr muss deshalb ein wirtschaftliches Interesse an einer positiven Darstellung unterstellt werden. Es stände dem Ärzteblatt gut, solche Artikel als Werbung zu kennzeichnen.

    Getestet habe ich den Anamnesebogen Schulterschmerzen. Alle Fragen wurden von mir so beantwortet, dass wenigstens ein Verdacht auf einen Herzinfarkt am Ende hätte erscheinen müssen. Leider war dies nicht der Fall. Die Applikation hat damit nicht nur wenig nutzen, sondern würde den Benutzer auch weiter fehlleiten, wenn dieser einmal auf der falschen Spur ist.

    Verschwiegen wird dem Nutzer auch, dass nach dem Start das Tracking von GoogleAnalysitcs genutzt wird um die Aktionen des Benutzers zu tracken und an den Anbieter zu senden.

    Ich kann die Applikation nicht empfehlen.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige