ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2014Buch über Kindesmisshandlung: Polemik, die gleichwohl schmerzt

SEITE EINS

Buch über Kindesmisshandlung: Polemik, die gleichwohl schmerzt

Dtsch Arztebl 2014; 111(6): A-187 / B-163 / C-159

Gerst, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Oft werden sie gerufen, wenn bereits nichts mehr zu retten ist, wenn ein Kind infolge von Misshandlungen durch ein Elternteil gestorben oder irreversibel geschädigt ist. Die Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat von der Berliner Charité berichten in dem Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ über ihre beruflichen Erfahrungen mit Kindesmisshandlungen in der Familie. Und sie erheben schwere Vorwürfe gegen alle diejenigen, die offenbar nicht zu verhindern wissen, dass jede Woche in Deutschland drei Kinder an den Folgen elterlicher Gewalt sterben, dass jede Woche 70 Kinder so schwer misshandelt werden, dass sie ärztlicher Versorgung bedürfen, wobei die Autoren von einer weitaus höheren Dunkelziffer ausgehen. Das System des Kinderschutzes in Deutschland versage fast auf der ganzen Linie, lautet der Grundtenor des Buches, öffentlichkeitswirksam vorgestellt Ende Januar in Berlin bei der Bundespressekonferenz.

Auch bei den Kinder- und Jugendärzten wird das Buch auf wenig Begeisterung stoßen, gehören sie für die Autoren doch mit zu dem System, das nicht verhindert, dass Kindern in der eigenen Familie Schreckliches angetan wird. „Das Schweigen der Ärzte“ ist das fünfte Kapitel des Buches überschrieben, und auch hier wird kräftig ausgeteilt. Tagtäglich würden „Hunderte misshandelter Kinder wieder in die Hände ihrer Peiniger übergeben, mit aktiver Beihilfe der Ärzte oder zumindest mit ihrer stillschweigenden Duldung“. Ausgehend von Einzelfällen kommen Tsokos und Guddat zu dem Schluss, viele Ärzte neigten dazu, körperliche Gewalt gegen Kinder zu bagatellisieren. Kein Wunder, dass der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte postwendend die in dem Buch erhobenen Vorwürfe zurückweist – insbesondere den, dass es ökonomische Erwägungen seien, die Ärzte zum konsequenten Wegschauen bewegten.

Solch polemische Rundumschläge könnten dazu führen, dass durchaus Bedenkenswertes in dem Kapitel nicht mehr wahrgenommen wird. „Misshandlungsmedizin“, schreiben die Autoren, sei für viele Kinder- und Jugendärzte in Deutschland – anders etwa als im angloamerikanischen Sprachraum – immer noch Neuland. Sie müssten sich rechtsmedizinisch weiterbilden, um unfalltypische von misshandlungstypischen Verletzungen unterscheiden zu können. Tsokos und Guddat machen deutlich, dass das hohe Gut der ärztlichen Schweigepflicht nach der (Muster-)Berufsordnung dort seine Grenzen habe, wo „die Offenbarung zum Schutz eines höherwertigen Rechtsgutes erforderlich ist“; dies sei der Fall, wenn beim konkreten Verdacht auf Kindesmisshandlung Wiederholungsgefahr bestehe. Und: Bei konkretem Verdacht sollten die Ärzte gesetzlich verpflichtet werden, das potenzielle Missbrauchsopfer in eine Klinik zu überweisen, wo ein Rechtsmediziner oder eine forensisch geschulte Fachkraft zur Abklärung herangezogen werden kann.

Anzeige
Thomas Gerst, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Thomas Gerst, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Das Buch macht es vielen, die sich von den Kritikbreitseiten getroffen fühlen, leicht, dagegen zu argumentieren. Aber es bleiben die vielen geschilderten Einzelschicksale von geschundenen Kindern – zu Tode geschüttelt und geschlagen oder dauerhaft an Körper und Seele verletzt – und das unbestimmte Gefühl, dass in einer Gesellschaft, in der so etwas immer wieder vorkommt, vieles im Argen liegt. Und deshalb kann diese schmerzhafte Lektüre durchaus heilsam sein.

Thomas Gerst
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #657338
Casado Barroso Gloria
am Freitag, 7. Februar 2014, 06:56

Kindermisshandlung

Die erste Misshandlung ist, Kinder ohne die Grundbedingungen: Gesundheit, Zeit fuer das Grossziehen , friedliche Umgebung und gewisse wirtschaftliche Voraussetzungen auf die Welt zu bringen.
Avatar #528610
Bvkjpraes2003
am Dienstag, 4. Februar 2014, 18:25

Verbände der Kinder- und Jugendärzte engagieren sich seit vielen Jahren auf den verschiedensten Ebenen für das Wohl von Kindern


Kindswohlgefährdung ist ein fast tägliches Problem in pädiatrischen Praxen. Kinder- und Jugendärzte sind in einem nicht geringen Maße sozialpädiatrisch tätig und müssen, ohne dafür Resourcen, geschweige denn Bezahlung zu bekommen, weit über ihren medizinischen Versorgungsauftrag hinaus als Reparateure sozialer Fehlenentwicklungen tätig sein. Wir haben Kinderschutzambulanzen gegründet, Praxisleitfäden zur Früherkennung von Kindesvernachlässigung und -misshandlung erarbeitet, bilden unsere Kolleginnen und Kollegen regelmäßig fort, arbeiten in interdisziplinären Netzwerken und an Runden Tischen mit - aber es gibt keine Gewähr dafür, dass nicht auch einmal etwas übersehen und nicht rechtzeitig gehandelt wird. Das ist bei diesem komplexen Thema nicht zu vermeiden und wir arbeiten an einer steten Verbesserung.
Wenn die Autoren konkrete Verbesserungsvorschläge haben, sollten sie diese mit uns gemeinsam erörtern, wir sind hier ganz offen.
Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Mielenforster Str. 2, 51069 Köln

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige