ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2014Interview mit Prof. Dr. med. Michael Hallek, Präsident des Deutschen Krebskongresses 2014*: „Der rasante Wissenszuwachs muss in die Versorgung umgesetzt werden“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Michael Hallek, Präsident des Deutschen Krebskongresses 2014*: „Der rasante Wissenszuwachs muss in die Versorgung umgesetzt werden“

Dtsch Arztebl 2014; 111(6): A-204 / B-176 / C-172

Vetter, Christine; Zylka-Menhorn, Vera

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Foto: Universitätsklinik Köln/MFK
Foto: Universitätsklinik Köln/MFK

Die Onkologie gehört zu den Fachgebieten in der Medizin, die sich am schnellsten weiterentwickeln. Versorgungs- und Studienkonzepte hinken dieser Entwicklung hinterher. Michael Hallek, Universität Köln, zeigt dafür neue Lösungsmöglichkeiten auf.

Herr Prof. Hallek, was sind derzeit die wichtigsten Entwicklungen in der Onkologie, und ergibt sich aus ihnen Handlungsbedarf?

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Prof. Dr. med. Michael Hallek: Es gibt in der Onkologie einen erheblichen Erkenntnisgewinn, der sich kontinuierlich fortsetzt, und zwar mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Unsere wichtigste Aufgabe ist derzeit, diesen Erkenntnisfortschritt umzusetzen in eine anwendbare und bezahlbare Behandlung der Patienten. Viele Fragen dazu, wie diese Aufgabe zu bewältigen ist, sind noch offen. So wird immer wieder befürchtet, dass die Diagnostik, vor allem die molekulare Diagnostik, und die Therapie bei Krebserkrankungen extrem teuer und kaum zu finanzieren sein werden. Im Moment werden Neuerungen oft als Bedrohung empfunden, weil sie mit erhöhten Kosten verbunden sind. Von dieser Einstellung müssen wir unbedingt wegkommen, weil sie innovationsfeindlich und nicht gerechtfertigt ist. Aber wir werden neue Wege gehen müssen, um eine optimale Versorgung von Krebspatienten zu vertretbaren Kosten zu gewährleisten.

Wie könnten neue Lösungen aussehen?

Hallek: Wir erhalten zurzeit zunehmend innovative Medikamente, wobei zum Teil sogar mehrere neue Wirkstoffe pro Tumorentität verfügbar werden. Wir wissen, dass es häufig sinnvoll ist, solche Substanzen nacheinander zu geben oder zu kombinieren. Doch wir wissen meist nicht, welche Patienten konkret von welchem Therapieregime am meisten profitieren. Um einen solchen Nutzen sicher erkennen zu können, müssen die Wirkstoffe möglichst breit getestet werden, sonst werden möglicherweise wertvolle Therapiechancen vertan.

Eine umfassende klinische Prüfung ist bei den derzeitigen Strukturen und den extrem hohen Kosten klinischer Studien vor der Zulassung nicht möglich. Deshalb wäre es aus meiner Sicht wünschenswert, den Nutzen innovativer Wirkstoffe nach ihrer Zulassung im Rahmen weiterer klinischer Studien direkt in der klinischen Anwendung zu prüfen.

Was wäre der Vorteil?

Hallek: Wir würden wegkommen von den derzeitigen komplexen Regulierungsverfahren und der Situation, dass Preisverhandlungen für ein Medikament geführt werden, ohne dass der konkrete klinische Nutzen klar ist. Stattdessen würden wir hinkommen zu einer kontinuierlichen und flächendeckenden Evaluation des Nutzens der Medikamente in der klinischen Erprobung. Wir könnten dabei auch speziellen Fragestellungen nachgehen. Das würde den Erkenntnisfortschritt erheblich vorantreiben, denn wichtige Neuerungen ergeben sich oft nicht in groß angelegten Studien, sondern häufig auch in kleineren Projekten. Der Erkenntnisgewinn kann direkt den Patienten zugutekommen und auch bewirken, dass Deutschland im internationalen Vergleich zu einem Innovationsstandort in der Onkologie wird. Für Krebspatienten würde bei einem solchen Vorgehen die Teilnahme an einer Studie nicht eine Ausnahme, sondern Regelfall sein. Die Krebstherapie würde vorzugsweise im Rahmen einer dokumentierten Behandlung stattfinden. Wir würden damit wegkommen von vorwiegend durch die Pharmaindustrie gesteuerten Studien hin zu wissenschaftlich initiierten Studien.

Würde eine solche Regelung nicht auf massive Widerstände stoßen, und wäre das Vorgehen finanzierbar?

Hallek: Ideal wäre aus meiner Sicht, wenn Krankenkassen, pharmazeutische Hersteller und der Bund Gelder in einen Pool gäben, aus dem solche klinischen Studien nach der Zulassung finanziert werden können. Es gibt dazu erste Vorstellungen und Gespräche, und auch potenzielle Kostenträger haben Akzeptanz für diese Lösung signalisiert. Sie kann uns die Chance bieten, die verfügbaren Ressourcen für alle Beteiligten sinnvoll zu nutzen. Es würde sich außerdem um eine Regelung handeln, die Vielfalt zulässt, was der modernen Medizin Rechnung tragen würde.

Das Motto des diesjährigen Kongresses heißt „Intelligente Konzepte in der Onkologie“. Gehören die vorgeschlagenen Neuerungen dazu, und sehen Sie Bedarf für weitere innovative Konzepte?

Hallek: Den Richtungswechsel in der klinischen Forschung halte ich in der Tat für ein intelligentes Konzept, das es uns erlauben wird, die Entwicklung und praktische Umsetzung von Innovationen in der Onkologie und möglicherweise darüber hinaus zu realisieren. Vor dem Hintergrund des enormen und raschen Erkenntnisgewinns brauchen wir außerdem eine noch stärkere Interdisziplinarität in der Onkologie. Die Tumorboards haben sich weitgehend etabliert, doch das ist nicht ausreichend, um bei einer derart komplexen Erkrankung wie einem malignen Tumor allen Patienten eine optimale Behandlung bieten zu können.

Probleme können sich beispielsweise dann ergeben, wenn der Patient weit entfernt vom Behandlungsort wohnt. Der Patient kann dann nicht mehreren Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen vorgestellt werden. Auch in dieser Hinsicht sollten wir neue Wege gehen. Wir müssen die Konzepte weiterentwickeln, möglicherweise auch unter Einbeziehung der Telemedizin. In diesen Bereich gehört außerdem eine engere Zusammenarbeit bei der Nachsorge, die noch erhebliche Defizite hat. Wir brauchen neue Strukturen, um besser verfolgen zu können, wie es den Patienten nach einer Krebstherapie geht. Denkbar wäre, dass nach der Entlassung vonseiten der Klinik ein strukturiertes Patientenmonitoring durch erfahrene Kollegen erfolgt.

Würde das nicht den bürokratischen Aufwand erheblich erhöhen?

Hallek: Dazu darf es auf keinen Fall kommen, im Gegenteil: Wir brauchen dringend Lösungen, um Diagnostik und Therapie mit weniger bürokratischem Aufwand zu bewältigen. Krebs ist eine extrem komplexe Erkrankung, bei deren Behandlung wir den individuellen Patienten mit all seinen Facetten im Blick behalten müssen. Wir müssen lernen, bessere Netzwerke der Versorgung aufzubauen und die richtigen Schnittpunkte zu finden, an denen Checks und Rückmeldungen notwendig sind. Nur wenn uns dies gelingt, werden wir tatsächlich den Patienten – und vor allem auch älteren Patienten – eine auf ihre individuelle Situation und ihr Krankheitsbild zugeschnittene optimale Therapie bieten können.

Ist das eine neue Dimension der sogenannten personalisierten Medizin?

Hallek: Unsere diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sind erheblich komplexer geworden. Sie auszuschöpfen und dabei die individuelle Situation des Patienten, seine aktuelle Erkrankung, seinen gesamten gesundheitlichen und körperlichen Status und die Lebenssituation zu berücksichtigen, ist meines Erachtens individualisierte Medizin im eigentlichen Sinne.

Gehört dazu auch die psychoonkologische Betreuung, die Sie als weiteren Schwerpunkt des Deutschen Krebskongresses formuliert haben?

Hallek: Unbedingt. Auch in diesem Bereich gibt es noch erheblichen Handlungsbedarf. Wir müssen dafür sorgen, dass die psychoonkologische Betreuung von Krebspatienten in die Regelversorgung aufgenommen wird. Wir brauchen Qualitätskriterien für die Diagnostik und für die Behandlung der Patienten. Konkret müssen wir jene Patienten erfassen, die einer psychoonkologischen Betreuung bedürfen und Sorge dafür tragen, dass sie sie bundesweit erhalten können. Es gibt keinen Zweifel daran, dass eine adäquate psychoonkologische Betreuung die Lebensqualität verbessert, und wir haben aus Studien gute Hinweise darauf, dass sie das Langzeitüberleben erhöht. Es ist ein nicht hinzunehmender Widerspruch, dass die Psychoonkologie einerseits in ihrer Bedeutung allgemein akzeptiert und eine wesentliche Voraussetzung für die Zertifizierung eines Krebszentrums ist, andererseits aber nicht im Rahmen der Regelversorgung der Patienten vergütet wird.

Das Interview führten
Christine Vetter und
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn.

Siehe auch Medizinreport „Darmkrebsscreening. Auf dem Weg zur Individualisierung“ in diesem Heft.

*vom 19.–22. Februar in Berlin

Zur Person

Prof. Dr. med. Michael Hallek ist Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Hämatologie und internistische Onkologie und seit 2003 Direktor der Klinik I für Innere Medizin an der Universität zu Köln. Von 1978 bis 1985 studierte er Medizin in Regensburg, München und Paris, seine ärztliche Ausbildung erhielt er in München. Von 1990 bis 1992 arbeitete Hallek als Postdoktorand am Dana-Farber-Cancer-Institute der Harvard Medical School in Boston.

Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Entwicklung spezifischer, molekularer Therapien für Leukämien. Hallek erhielt zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen. Er ist Gründer und Leiter der Deutschen CLL-Studiengruppe, der international führenden Studiengruppe zur Erforschung neuer Behandlungen der chronischen lymphatischen Leukämie.

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