ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2014Assistenzsysteme: Entlastung für die Pflege

POLITIK

Assistenzsysteme: Entlastung für die Pflege

Dtsch Arztebl 2014; 111(6): A-200 / B-173 / C-169

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die Unterstützung Pflegebedürftiger durch AAL-Systeme könnte künftig an Bedeutung gewinnen. Allerdings steht für viele Lösungen der Nutzennachweis in der Praxis noch aus.
Die Unterstützung Pflegebedürftiger durch AAL-Systeme könnte künftig an Bedeutung gewinnen. Allerdings steht für viele Lösungen der Nutzennachweis in der Praxis noch aus.

Technische Assistenzsysteme wie die elektronische Medikamentenbox eignen sich potenziell für die Aufnahme in den Leistungskatalog der Pflegeversicherung.

Technische Assistenzsysteme, unter dem Begriff Ambient Assisted Living (AAL) zusammengefasst, werden für vielfältige Zielgruppen und Lebensumstände konzipiert. Experten erwarten jedoch, dass vor allem die technische Unterstützung Pflegebedürftiger künftig an Bedeutung gewinnen wird. Faktoren, die dazu beitragen, sind unter anderem die demografische Entwicklung, der Fachkräftemangel in der Pflege sowie die Zunahme von Einpersonen- und kinderlosen Haushalten. Auch im Koalitionsvertrag von Union und SPD befindet sich ein Passus hierzu: „Wir wollen, dass ältere und pflegebedürftige Menschen ihren Alltag in der eigenen Wohnung weitgehend selbstbestimmt bewältigen können. Die Entwicklung von Angeboten altersgerechter Begleitung und technischer Unterstützungssysteme wollen wir daher weiter fördern und sie in den Leistungskatalog der Pflegeversicherung aufnehmen.“

Anzeige

Überblick über AAL-Lösungen

Bis zur Aufnahme entsprechender Lösungen in den Leistungskatalog der Pflegeversicherung ist es allerdings noch weit. Dies wurde beim 7. Deutschen AAL-Kongress* in Berlin deutlich, der sich auch mit der Einbindung von AAL-Systemen in die pflegerische Versorgung befasste. Christine Weiß, VDI/VDE Innovation und Technik GmbH, und Dr. Grit Braeseke, Leiterin der IEGUS – Institut für Europäische Gesundheits- und Sozialwirtschaft GmbH, präsentierten dort die Ergebnisse ihrer im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit erstellten Studie „Unterstützung Pflegebedürftiger durch technische Assistenzsysteme“ (siehe www.vdivde-it.de/publikationen/studien).

Die Studie gibt einen Überblick und eine Nutzeneinschätzung vorhandener und in Entwicklung befindlicher technischer Assistenzsysteme, die die häusliche Versorgung Pflegebedürftiger verbessern, die stationäre Unterbringung vermeiden oder herauszögern und sich für eine Übernahme in den Leistungskatalog der sozialen Pflegeversicherung eignen. In die Nutzenbetrachtung wurden dabei Pflegebedürftige, pflegende Angehörige und professionell Pflegende einbezogen.

Die Studie sei ganz im Zeichen des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs erstellt worden, der voraussichtlich in dieser Legislaturperiode beschlossen werden solle, erläuterte Referentin Weiß. Dieser setze auf ein neues modulares Begutachtungsassessment, das den Grad der Selbstständigkeit des Pflegebedürftigen in den Fokus stelle. Kriterien sind dabei die Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, die Selbstversorgung, der Umgang mit krankheits- beziehungsweise therapiebedingten Anforderungen und die Gestaltung des Alltagslebens einschließlich der sozialen Kontakte.

Kosten, Nutzen und Akzeptanz

Von anfänglich 45 Assistenzsystemen, die im Hinblick darauf kategorisiert und unter Kosten-Nutzen-Aspekten untersucht wurden, erschienen nur zwölf Lösungen als prinzipiell geeignet, die häusliche Pflege und einen längeren Verbleib in der eigenen Häuslichkeit zu unterstützen, berichtete Braesecke. In einem Expertenworkshop wurden diese Systeme nochmals hinsichtlich Nutzen, Akzeptanz und Praxistauglichkeit unter die Lupe genommen. Am Ende blieben sechs Lösungen übrig: die Toilette mit Intimpflege, der intelligente Fußboden (Sensormatte), die elektronische Medikamentenbox (Erinnerungsfunktion), die automatische Herdabschaltung, die mobile Aufstehhilfe und die Quartiersvernetzung (IT-Plattform, die zum Beispiel den Notruf und Kommunikationsfunktionen umfasst). „Es zeigte sich, dass klassische Stand-alone-Lösungen eine viel höhere Akzeptanz haben als vernetzte Systeme, weil sie einfach verständlicher sind“, meinte Weiß. So fiel etwa die sensorische Raumüberwachung in der Bewertung durch, wohingegen die intelligente Fußmatte eher akzeptiert wird.

Die sechs Systeme wurden anschließend hinsichtlich ihrer produktspezifischen Umsatzpotenziale für die Pflegebedürftigen bewertet. Relevante Aspekte waren dabei die Fix- und Betriebskosten, der mögliche Umfang der Zielgruppe innerhalb der Pflegebedürftigen und die Schätzung der Inanspruchnahme. Die Ergebnisse fallen von Produkt zu Produkt unterschiedlich aus, die Amortisationszeiträume sind jedoch der Studie zufolge generell als kurz einzuschätzen.

„Wenn es gelingt, durch den Einbau solcher Geräte die Menschen ein halbes Jahr länger in ihrer Wohnung zu halten, hat sich das aus Sicht der Pflegeversicherung gegenüber einer stationären Versorgung bereits gelohnt“, meinte Braeseke. Ihr Fazit: „Es ist sinnvoll, in der Pflege mehr auf Technik zu setzen.“ Allerdings sei ein evidenzbasierter Nutzennachweis für die Übernahme einer Leistung durch die Pflegeversicherung erforderlich. Daher gelte es, zügig entsprechende Projekte aufzusetzen.

Heike E. Krüger-Brand

*„Wohnen – Pflege – Teilhabe: Besser leben durch Technik“, veranstaltet vom VDE, 21.–22. Januar 2014

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige