ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2014Zur Diskussion: Was ist ein guter Chirurg?

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Zur Diskussion: Was ist ein guter Chirurg?

Dtsch Arztebl 2014; 111(6): [2]

Vahl, Christian Friedrich

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Die Antwort eines Chirurgen auf die beliebten Chirurgenrankings in zehn Thesen

Foto: mauritius images
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Man darf nicht beklagen, dass die Medien die Deutungshoheit über die Qualität von Chirurgen übernehmen, ohne dass sich Chirurgen mit eigenen Antworten der Diskussion und Kritik stellen. Ich präzisiere die Frage insoweit, als ich nicht die besondere Rolle des Chirurgen als Arzt anspreche und auch nicht über das Sozialverhalten des Chirurgen reflektieren will. Ich spreche darüber, welche Merkmale die „Chirurgie“ eines guten Chirurgen charakterisiert.

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  • Ein guter Chirurg ist innovativ. Ein Chirurg muss sich täglich weiterentwickeln. Die steten Neuerungen in seinem Umfeld verlangen ihm einen permanenten Veränderungsprozess ab. Auch die Individualität des Patienten erfordert eine individualisierte Strategie. Innovatives chirurgisches Handeln wird begünstigt durch ein individualisiertes Patientenverständnis, unvorhergesehene Herausforderungen, ungewöhnliche Phänotypen von Erkrankungen und durch technologische Entwicklungen. Das Innovative ist nie Selbstzweck. Ein Chirurg, der innovativ ist, um innovativ zu sein, wäre ein schlechter Chirurg.
  • Ein guter Chirurg arbeitet funktional. Ein Patient kommt zum Chirurgen, damit dieser ein Problem löst. Die Operation dient einem konkreten Zweck und soll bestimmte Funktionen wiederherstellen, sichern oder verbessern. Ein guter Chirurg optimiert seine Handlungsweise durch manuelles Geschick, schnörkelloses Unterordnen unter dieses funktionale Ziel.
  • Ein guter Chirurg stellt ästhetische Ansprüche. Im Mittelalter waren Ethik und Ästhetik Gegensätze, wobei vielfach das Schöne mit dem Bösen verbunden wurde. Der ästhetische Selbstanspruch eines Chirurgen ist ein wichtiger Aspekt seiner Funktionalität. Wer ästhetisch arbeitet, schreckt die Assistenten nicht ab, lenkt sie nicht ab oder überfordert ihre Aufmerksamkeit. Da ein Chirurg den ganzen Tag arbeitet, würde er durch ein persönliches Umfeld, das nicht ästhetisch ist, negativ in seinem Wohlempfinden beeinflusst. Ästhetische Abläufe fordern die Hinwendung, die ein Chirurg benötigt. Gerade für die Chirurgie gilt ohnehin: Schön kann eine chirurgische Arbeit nur sein, wenn sie gut gemacht ist.
  • Ein guter Chirurg arbeitet verständlich. Gut kann ein Chirurg nur sein als Bestandteil eines Teams, das ihn versteht. Die Sprache des Chirurgen ist seine Arbeit. Die Abläufe einer Operation müssen so verständlich sein, als ob sie eine Geschichte erzählen. Ein Hin- und Herspringen in einem Handlungsablauf macht die Arbeit des Chirurgen für die Assistenten unvorhersehbar, unübersichtlich und wenig verständlich. Ein guter Chir- urg kann allein durch seine Arbeit einen Patienten und eine Erkrankung zum Sprechen bringen.
  • Ein guter Chirurg ist unaufdringlich. Jeder Mensch freut sich, wenn ihm etwas gelingt. Trotz Genugtuung über den Erfolg seiner Arbeit bleibt der gute Chirurg still und demütig. Ein aufdringliches Lobpreisen seiner Qualität und seines Leistungsvolumens, ein offenes oder implizites Herabsetzen der Qualität anderer Chirurgen stellt eine Aufdringlichkeit dar, die als peinlich empfunden wird und der Konzentration bei der chirurgischen Arbeit nicht dient. Auch am OP-Tisch beansprucht der gute Chirurg nur den Platz, den er für seine Arbeit braucht. Er ist als Kapitän sichtbar und erreicht Wertschätzung durch unaufdringliche Präsenz.
  • Ein guter Chirurg ist ehrlich. Ein guter Chirurg lässt seinen Eingriff nicht innovativer und wertvoller scheinen, als er ist. Er wird sein Umfeld, seine Mitarbeiter und seine Patienten nicht durch Versprechen über seine Arbeit zu manipulieren versuchen, die er dann nicht halten kann. Ein guter Chirurg sieht die Momente des Nichtgelingens oder des Nicht-ganz-Gelingens und spricht diese im Team an, selbst wenn seine Assistenten diese Abweichung von dem Optimum und dem Selbstanspruch des Chirurgen gar nicht bemerkt haben. Er lernt kontinuierlich und hinterfragt kritisch seine eigenen Ergebnisse.
  • Ein guter Chirurg ist dem Langzeiterfolg verpflichtet. Ein guter Chirurg springt nicht auf jeden neuen Zug. Er will den Langzeiterfolg für seinen Patienten und nicht den schnellen Ruhm. Er will die Langzeitergebnisse einer neuen chirurgischen Strategie kennen, ehe er sein Konzept grundlegend verändert. Die Schnelligkeit des Eingriffes ist angesichts der Langzeitprognose für den Patienten nachgeordnet. Ein guter Chirurg wird keine chirurgische Arbeit unterlassen, wenn sie die OP-Zeit verlängert. Die Arbeit eines guten Chirurgen hat Bestand. Die „chirurgische Medaillenverleihung“ findet Jahre nach dem Eingriff statt.
  • Ein guter Chirurg ist konsequent bis ins letzte Detail. Ein guter Chirurg überlässt nichts dem Zufall oder der Willkür. Gründlichkeit und Genauigkeit sind herausragende Merkmale seiner chirurgischen Tätigkeit. Bis ins letzte Detail hinein ist der Chirurg bemüht, alles stimmig zu machen. Umfassende Gründlichkeit ist eine Form, dem Patienten Respekt zu erweisen.
  • Ein guter Chirurg ehrt die Natur. Die Chirurgie spielt eine wichtige Rolle bei dem Erhalt eines würdigen Menschenlebens. Chirurgie richtet sich gegen Krankheit und Siechtum. Der Mensch ist für den Chirurgen das Maß aller Dinge. Er schützt die Umwelt, indem er nur verwendet, was er benötigt. Ein Chirurg sieht sich selbst als einen Bestandteil der Natur (1). Er ergreift Maßnahmen für den Erhalt seiner geistigen und körperlichen Gesundheit sowie seiner psychosozialen Stabilität.
  • Ein guter Chirurg setzt so wenig Chirurgie wie möglich ein. Weniger Chirurgie ist manchmal mehr. Wenn ein Chirurg das erkennt und umsetzt, wird er sich auf das Wesentliche beschränken und seine Arbeit mit nichts Überflüssigem befrachten. Ein guter Chirurg ist nicht ein fanatischer Diener einer imaginären Göttin namens „Chirurgie“, der er sein Leben unterordnen muss, sondern ein Mensch, der seine Meisterschaft von anderen Meistern erworben hat und diese im Dienst der Patienten mit Augenmaß einsetzt.

In Alltagssituationen, im Berufsumfeld, aber auch in Berufungskommissionen kommt immer wieder die Frage auf: „Ja, ist das denn auch ein guter Chirurg?“ Nichtchirurgen suchen in dem guten Chirurgen oft das, was sie selbst sind: Ärzte, die viel Zeit im Labor verbringen; Ärzte die sich auf zeitintensive empathische Situationen mit Patienten einlassen müssen; Ärzte, die von morgens bis abends immer ansprechbar sind; Ärzte die kaufmännisch denken; Ärzte, die . . . Ich versuche, aus der einfachen Sicht eines Chirurgen etwas über Chirurgen zu sagen. Die hier formulierten Thesen sind in keinem Gremium abgestimmt. Vielleicht können sie einen Anstoß zu einem internen Diskurs geben, der Chirurgen und Ärzte ermutigt, sich den Marktgesetzen der Medien zu widersetzen, um nicht selbst zu Produkten dieses Marktes zu werden.

Ab und an gibt es wirklich Eingriffe, die man als Chirurg als perfekt erlebt und bei denen man das Gefühl hat, diesen zehn Thesen einigermaßen genügt zu haben.

Prof. Dr. med. Christian Friedrich Vahl

Herz-, Thorax-, Gefäßchirurgie,
Johannes-Gutenberg-Universität Mainz,

Sprecher des chirurgischen Ordinarienkonventes der deutschen Universitätskliniken,

Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie

1.
Vahl C-F: Chirurgische Lebenswege: Prof. Dr. med. Fritz Kümmerle. Zeitschrift für Herz-Thorax- und Gefäßchirurgie 2008; 22: 63–4.
2.
Wabner S: Die 10 Design-Regeln von Dieter Rams (Braun) und wie Apple sich inspirieren läßt. www.kunstundso.com/
. . ./die-10-design-regeln.
1.Vahl C-F: Chirurgische Lebenswege: Prof. Dr. med. Fritz Kümmerle. Zeitschrift für Herz-Thorax- und Gefäßchirurgie 2008; 22: 63–4.
2.Wabner S: Die 10 Design-Regeln von Dieter Rams (Braun) und wie Apple sich inspirieren läßt. www.kunstundso.com/
. . ./die-10-design-regeln.

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Avatar #687412
MeHans
am Dienstag, 15. Juli 2014, 00:25

Ein guter Chirurg sollte auch kommunikativ und ehrlich sein!

Leider stelle ich gerade erst fest, daß chirurgisch tätige Ärzte oftmals nur eingeschränkte kommunikative Fähigkeiten besitzen. Es geht nicht, daß man eigentlich einfache Dinge nachträglich zur OP/zum OP-Verlauf fragt und nur eine gelangweilte oder genervte, monotone Antwort bekommt, die noch nicht einmal die Frage richtig beantwortet.

Zu so einem Chirurgen soll man Vertrauen haben?!

Nein, ein Chirurg sollte gut operieren können, aber die kommunikativen Fähigkeiten sind genauso wichtig!

Genauso wichtig ist auch Ehrlichkeit!
Warum kann man Mißgeschicke nicht zugeben?!
Als - wenn auch fachfremder - Kollege merkt man es doch! Damit macht man sich doch höchstens lächerlich, weil man nicht zugeben will, was man den Assistenten gegenüber zugesteht- wie ich im Halbschlaf hörte -, mir aber nicht direkt sagen will. Also eine SOLCHE Ehrlichkeit ist außerdem dringend wichtig!
Sonst ist das Vertrauen sofort verspielt!

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