ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2014Weiterbildung: Der fehlende Wille
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. . . Das Hauptproblem bei der Sicherung einer vernünftigen ärztlichen Weiterbildung ist nicht der finanzielle Druck, sondern der fehlende Wille der damit beauftragten Weiterbildungsermächtigten. Fast niemand bis auf die jungen Weiterbildungsassistenten selbst zeigt ernsthaftes Interesse an einer systematischen standardisierten und bundesweit vergleichbaren ärztlichen Weiterbildung. Auch die etablierte Ärzteschaft selbst betreibt die ärztliche Weiterbildung als „Nebenprodukt der ärztlichen Arbeit“ und betrachtet diese als „Holschuld des Assistenten“ . . .

Es ist auch kein Geheimnis, dass kaum ein Assistent den Erfordernissen der Weiter­bildungs­ordnung nachkommen kann. Je größer das Haus ist, desto geringer ist die Chance. Dies wissen auch die Ärztekammern, die Fachgesellschaften und die Ärztegewerkschaften. Sie tun nicht nur rein gar nichts dagegen, sondern sie diskutieren allen Ernstes darüber, die Erfordernisse der Weiterbildung aufzuweichen, statt sich ernsthaft zu überlegen, wie man Weiterbildungsstätten zu einer vernünftigen Weiterbildung zwingen kann.

Die inadäquate Weiterbildung stellt ein enormes qualitatives Problem dar, welches jedoch mit relativer Leichtigkeit in jedem einzelnen deutschen Krankenhaus durch eine sich kümmernde ärztliche Führung beseitigt werden kann. Wenn die Geschäftsführung, die Chefärzte und die Oberärzte ein ehrlich gemeintes systematisches Weiterbildungsprogramm zusammenstellen, was zugegeben am Anfang vieler Energie und Zeit bedarf, dann ist dies eine Investition, die sich in Form von optimierten Prozessen, gebesserter Arbeits- und Lebensqualität, gesteigerten Umsätzen bei sinkender Verweildauer und längerfristig reduzierten Gesamtarbeitsstunden mehr als bezahlt macht . . .

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Auch ohne Extrafinanzierung müssen die Ärztekammern damit beginnen, unangekündigt Weiterbildungsstätten zu kontrollieren. Häuser, welche die Weiterbildung vernachlässigen, müssen hart bestraft werden. Dies beinhaltet den Entzug von Weiterbildungsermächtigungen und hohe Geldstrafen. Krankenhäuser, die nicht weiterbilden dürfen, bekommen in der Regel auch keinen ärztlichen Nachwuchs. Universitätskliniken und allgemeine Krankenhäuser sind jedoch ohne ärztlichen Nachwuchs nicht überlebensfähig. Die Angst davor sollte die Geschäftsführung dazu bewegen, Druck auf ihre Weiterbildungsermächtigten auszuüben. Ferner stellt der aus unternehmerischer Sicht problematische Ärztemangel die Chance für die Weiterbildungsassistenten dar, um die Ketten der Abhängigkeit vom Vorgesetzten zu sprengen . . . Ein Krankenhaus, das nicht wirklich weiterbildet, muss von den Assistenten boykottiert werden. Die Forderung der Ärzteschaft nach Extrafinanzierung der Weiterbildung muss der Großen Koalition und den Kran­ken­ver­siche­rungsgesellschaften gegenüber mit aller Kraft unterstützt werden, aber nur unter der Bedingung, dass diese Finanzmittel einzig und allein zur Sicherung einer qualitativ hochwertigen, systematischen, bundesweit vergleichbaren und jederzeit vor Ort überprüfbaren ärztlichen Weiterbildung eingesetzt werden.

Muhannad Hirzallah, 44791 Bochum

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