ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2014Psychische Störungen: Hausärzte stärken die Patienten
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Mit großem Interesse und weitgehender Zustimmung haben wir den Artikel gelesen, ist doch die Abgrenzung Lebensumstände-assoziierter Leidenszustände von einem (psychiatrischen) Krankheitsbild auch tägliches Brot des Hausarztes.

Es wurde bereits die Frage gestellt (und beantwortet), warum Hausärzte sich weigern, Leitlinien umzusetzen und Krankheiten als solche zu erkennen. Dabei sind es vielfach die Hausärzte, die die Ressourcen, Eigeninitiative und Selbsthilfe der Patientinnen und Patienten stärken und dadurch eine Behandlungsbedürftigkeit im psychiatrischen Sinne abwenden. Diese tägliche stützende Arbeit der Hausärzte wird nirgends abgebildet, nicht in klassifizierbaren/kategorisierbaren Daten wie Diagnoseschlüsseln oder Verordnungsgrößen. Auch die Überweisungszahlen an Psychiater können nicht abbilden, welche Vorüberlegungen bezüglich des Krankheitsverlaufes oder welche Signalkriterien für die Notwendigkeit einer Facharztmitbehandlung gewählt wurden. Insbesondere geben niedrige Überweisungszahlen (niedriger als eventuell aus Psychiatersicht erforderlich) nicht wieder, wie oft wegen der Nichterreichbarkeit oder langer Wartezeiten der Versuch gar nicht erst unternommen wird. Nicht zu unterschätzen ist auch die Tatsache, dass betroffene Patienten selbst aus Scham ihre depressiven Symptome verbergen und stattdessen lieber physische Beschwerden vorbringen.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie zur Versorgungssituation psychisch erkrankter Patienten wurde gezeigt, dass fast zwei Drittel der aufgrund einer psychiatrischen Diagnose ambulant behandelten Versicherten ausschließlich durch Ärzte für Allgemeinmedizin oder Fachärzte für somatische Medizin versorgt werden.

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In diesem Zusammenhang nehmen wir Anstoß an der Formulierung „Manche Fehlentwicklungen – wie etwa das potenziell unsachgemäße Verschreiben von Psychopharmaka durch überforderte Primärärzte – sind nicht notwendigerweise ein Fehler des verwendeten diagnostischen Systems“. Tatsächlich würde es zu einer Überforderung des Systems führen, würde jeder Hausarzt jeden Patienten zur medikamentösen Therapie überweisen, der die Kriterien einer Depression erfüllt.

Auch die Verordnung von Psychopharmaka ist keine Geheimwissenschaft und ist auch nicht anspruchsvoller als zum Beispiel die differenzierte Herzinsuffizienztherapie und die Diabetes- oder COPD-Einstellung, die zum Beispiel auch von Hausärzten geleistet werden.

Qualitative Missstände der Depressionsbehandlung, welche bei Hausärzten vorkommen, sind ebenfalls bei Psychiatern beschrieben. Hier wäre demnach weniger ein hohes Ross gewünscht als vielmehr eine Zusammenarbeit und eine Ansprechbarkeit auf niederschwelligem Niveau.

Versorgungssysteme, welche die Zusammenarbeit von Hausärzten mit Spezialisten für psychische Krankheiten fördern (zum Beispiel Integrated Care), werden mit erhöhten Erkennungsraten in Verbindung gebracht. In Deutschland sind wir jedoch von solchen Strukturen noch weit entfernt . . .

Literatur bei den Verfassern

Dr. med. Susanne Döpfmer,
Priv.-Doz. Dr. med. Christoph
Heintze, Institut für Allgemeinmedizin, Charité Campus Mitte, 10117 Berlin

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