ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1999Legasthenie: Schulversagen oder Krankheit?

VARIA: Bildung und Erziehung

Legasthenie: Schulversagen oder Krankheit?

Dtsch Arztebl 1999; 96(5): A-296 / B-257 / C-231

Tuch, Peter

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LNSLNS Die Lernschwäche Legasthenie stellt Betroffene in der Informationsgesellschaft oft vor erhebliche soziale Probleme. Aber ist die Schwäche auch eine Krankheit - oder lediglich eine "Störung", als die sie bislang von den Krankenkassen weitgehend ignoriert wird? In jedem Fall ist Legasthenie weiter verbreitet als vielfach angenommen. Anhand von Warnzeichen, das zeigen neue interdisziplinäre Forschungen, läßt sich jedoch frühzeitig gegensteuern.
Etwa vier Prozent der Erwachsenen in Industriestaaten wie den USA oder der Bundesrepublik haben eine Lesefähigkeit, die dem Niveau von Viertkläßlern entspricht. Obwohl ähnliche Zahlen für die Schreibfähigkeit nicht vorliegen, steht für den Kinder- und Jugendpsychiater Dr. med. Gerd Schulte-Körne von
der Universität Marburg fest, daß die Legasthenie, also
die strukturelle Lese- und Schreibschwäche, weit verbreitet ist. Vier bis sechs Prozent der Grundschüler hierzulande sind nach seinen Informationen Legastheniker. Hartnäckige Vorurteile über diese Lernschwäche machen den betroffenen Kindern und ihren Eltern das Leben zusätzlich schwer. So sei längst erwiesen, daß Legasthenie kein Intelligenzproblem ist, sagt die Bordesholmer Psychologin Dr. Lisa Dummer-Smoch. "Es gibt Inhaber von Lehrstühlen, sogar Nobelpreisträger, die Legastheniker waren." Allerdings scheiterten Karrieren legasthener Bewerber häufig schon im Ansatz, obwohl sie etwa in technischen Berufen sehr erfolgversprechend verlaufen könnten: Zu hoch seien die Barrieren aus mangelndem Selbstwertgefühl und Ablehnung durch Ausbilder und Vorgesetzte.
Dazu kommt erschwerend, daß nach Ansicht von Kritikern für die Krankenkassen Legasthenie oder Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) gar nicht existiert. "Für die ist das ein
rein pädagogisches Problem", sagt Schulte-Körne. "Aber durch eine schlechte Schule allein wird niemand zum Legastheniker." Nach seinen Worten fürchten die Kassen bei einer Anerkennung als Krankheit eine Kostenlawine auf sich zurollen: "Daß es selbst in kleinen Städten wie Marburg ein
halbes Dutzend Therapie- und Beratungsstellen für
Legasthenie-Betroffene gibt, zeigt, wie groß der Bedarf ist." Bislang können legasthene Kinder nur auf Umwegen in den Genuß von
Kassenleistungen kommen. Wenn etwa psychische Folgeprobleme auftreten, erlaubt der § 35 a des Kinder- und Jugendhilfegesetzes deren Behandlung auf Kassenkosten. Dabei existieren inzwischen deutliche Anhaltspunkte, daß hirnorganische Veränderungen die Krankheit, die es offiziell nicht gibt, begünstigen. Mittels Magnetoenzephalogramm analysierte eine Konstanzer Forschergruppe bei Legasthenikern und Normallesefähigen, in welchen Regionen der Hirnrinde bestimmte Laute verarbeitet werden. Das erstaunliche Ergebnis: Bei Kindern mit LRS werden diese Silben bis zu 1,5 Zentimeter weiter vorn auf dem Kortex verarbeitet. "Das bedeutet", so die Psychologin Sabine Heim, "daß das Sprachverarbeitungszentrum möglicherweise fehlentwikkelt ist." Auch Belege für Gen-Defekte auf bestimmten Chromosomen wurden schon gefunden - doch handelt es sich nicht um spezifische "Legasthenie-Gene", sondern um Defekte auf einer grundlegenderen Ebene.
Um das mit Legasthenie verbundene Stigma langsam abzubauen und dem Phänomen LRS möglichst effizient entgegenzusteuern, versuchen LRS-Experten neuerdings verstärkt, interdisziplinär zusammenzuarbeiten. Beim "2. Expertentreffen Legasthenieforschung" Ende letzten Jahres in Darmstadt trafen sich ein Dutzend Sachverständige aus den Bereichen Medizin, Psychologie und Logopädie, um die
Überschneidungsbereiche der LRS auszuloten und mehr öffentliches Bewußtsein für die Problematik der Legasthenie zu schaffen. Neben der Universität Marburg, einem Schwerpunktstandort der Legasthenieforschung, hatte der Landesverband Legasthenie Hessen zu diesem Symposion eingeladen. Der Verband hat maßgeblich Anteil an der relativ vorbildlichen hessischen Schulgesetzgebung, die den Schutz legasthener Kinder betont: Jede Schule des Bundeslandes ist verpflichtet, solchen Schülern Notenschutz und Förderung zukommen zu lassen. Als Dachverband möchte der Bundesverband Legasthenie e.V. (BVL) ähnliche Regelungen für ganz Deutschland bewirken. Auch auf dem Behördenweg bietet der BVL Eltern Hilfe, etwa wenn legasthene Kinder in Sonder-Internaten untergebracht werden müssen. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist die verbesserte Früherkennung und Prävention. Daß "Risikokinder" mit speziellen Trainingsprogrammen wirksam vor
Legasthenie bewahrt werden können, hat die Würzburger Psychologin Dr. Ellen Roth mit ihrem Konzept zur Förderung der "phonologischen Bewußtheit"* nachgewiesen: "Die gefährdeten Kinder wurden zu durchschnittlich guten Lesern und Schreibern." Weitere Informationen: BVL, Königstraße 32, 30175 Hannover, Tel 05 11/ 31 87 38. Peter Tuch


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