ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2014Ausgrenzung Behinderter: Gedenken und Handeln

POLITIK: Kommentar

Ausgrenzung Behinderter: Gedenken und Handeln

Dtsch Arztebl 2014; 111(6): A-197 / B-171 / C-167

Jachertz, Norbert

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Norbert Jachertz, gesundheits- und sozialpolitischer Journalist
Norbert Jachertz, gesundheits- und sozialpolitischer Journalist

Ein lange verschwiegenes Thema, die Zwangssterilisation und die sogenannte Euthanasie in der Nazizeit, scheint nunmehr „ganz oben“ angekommen zu sein: Dieser Tage besuchte Bundespräsident Joachim Gauck ex officio eine Ausstellung, die sich mit diesen Verbrechen gegen die Menschlichkeit auseinandersetzt. Einer der früheren Vizepräsidenten des Bundestages, Wolfgang Thierse, hatte die Ausstellung in den Bundestag eingeladen, und seine Nachfolgerin im Amt, Ulla Schmidt, eröffnete sie am Tag der Opfer des Nationalsozialismus, dem 27. Januar.

Über Täter und Opfer wurde nach dem Ende der Naziherrschaft nicht gerne gesprochen. Die Opfer der Zwangssterilisationen schwiegen, weil sie sich schämten. Die Angehörigen der „Euthanasie“-Opfer glaubten, ihre Familiengeheimnisse hüten zu müssen. Die Ärzteschaft schwieg lange, um nicht einzugestehen, dass so viele aus ihren Reihen ihre Schutzbefohlenen und Patienten im Stich gelassen hatten. Ein Schweigekartell, hin und wieder aufgebrochen durch einen Gerichtsprozess mit zumeist seltsam milden Richtersprüchen.

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Eine neue Ärztegeneration macht sich inzwischen an die Aufarbeitung. Nicht immer gern gesehen, aber unverdrossen. Es gibt erstaunliche Initiativen, so auch jene Ausstellung im Bundestag, organisiert von den Psych- iatern. Die Kinderärzte rangen sich als eine der ersten Gruppierungen, wenn nicht gar als die erste, zu einem Schuldeingeständnis durch. Der Deutsche Ärztetag gestand mit der Nürnberger Erklärung 2012 ein, dass Ärzte „entgegen ihrem Heilauftrag“ gehandelt hatten und bat um Verzeihung.

Können wir aus der Geschichte lernen? Hoffentlich. Doch Geschichte wiederholt sich nicht. Versuchungen treten in neuem Gewand auf. Dank geschichtlicher Erfahrung sollte es uns indes gelingen, sie zu erkennen. Und zu handeln. Man sehe sich um und mache sich nichts vor: In einer auf Leistung und ökonomischen Nutzen getrimmten Gesellschaft werden Kranke, nicht nur psychisch Kranke, und Behinderte, die nicht (mehr) mithalten können, schnell an den Rand gedrängt. Gewiss, manches hat sich verbessert. Vieles bleibt zu tun. Zum Beispiel beim alltäglichen Zusammenleben mit Behinderten, etwas sperrig „Inklusion“ genannt. Sie steht neuerdings auf jeder politischen Agenda. Sie umzusetzen kostet aber Zeit, guten Willen und viel Personal in Kitas und Schulen. Je selbstverständlicher freilich ein solches Zusammenleben wird, desto leichter werden wir Versuchungen widerstehen, Menschen mit Behinderung als „Ballast“, als „lebensunwert“ auszusondern.

Vokabeln dieser Art wird heute niemand gebrauchen, sie sind seit der Nazizeit tabu. Auch wird kaum einer offen fordern, das Leben Schwerstkranker oder -behinderter aktiv zu verkürzen, wenn nötig auch ohne Zustimmung des Betroffenen. Die Rede ist vielmehr von Mitleid, sanftem Tod, Selbstbestimmung, wohlverstandenem Interesse. Wo liegen die Grenzen der Sterbehilfe? Die Geschichte möge uns zur Gabe der Unterscheidung verhelfen.

Bei der Eröffnung der Ausstellung im Bundestag wies ein namhafter Psychiater auf eine neuere Entwicklung hin: Es gebe heute Menschen, die glaubten, ein Leben mit Demenz sei nicht mehr lebenswert. Was lehrt uns hier die Geschichte?

Leserkommentare

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Avatar #678330
Uwe Heineker
am Samstag, 8. Februar 2014, 22:50

Inklusion? - ganze Gruppe behinderter Menschen wird hierbei gerne "vergessen" !!!

Solange Inklusion nicht am Maßstab jener Personengruppe schwerstmehrfach behinderter Menschen, die weder sich artikulieren noch - auch in Werkstätten - irgendeiner (sogenannter "wirtschaftlich verwertbarer") Erwerbstätigkeit nachgehen können, orientiert, kann sie einfach nicht gelingen und bleibt somit weiterhin eine Mögelpackung!

Wie lange noch wird der angesprochene Personenkreis immer noch gern bei allen Diskussionen um die Inklusion "vergessen" und so gut wie gar nicht thematisiert bleiben?!

Hier ist auch verdammt noch mal Solidarität in den eigenen Reihen gefragt!

Durchbrechen wir also die Hierachrie innerhalb der Behinderungsarten, die es erwiesenermaßen gibt, dies ist mehr als dringend von Nöten - im Sinne der Inklusion, der fortschrittlichen Philosophie der UN-Behindertenrechtskonvention!
Avatar #107352
Inge R.
am Samstag, 8. Februar 2014, 19:13

Inklusion ist eine Mogelpackung

Es ist für die mangelhafte Umsetzung der Inklusion bezeichnend, dass unseren schwerstbehinderten Töchtern und Söhnen spätestens nach Abschluss aller Bildungsmaßnahmen (egal ob ex- oder inklusiv) die weitere Teilhabe am Leben erschwert oder unmöglich gemacht wird.
Nach wie vor werden die gesamten Lebensbedingungen unserer erwachsenen Kinder ausschließlich an der fehlenden wirtschaftlichen Verwertbarkeit ihrer Fähigkeiten festgemacht, und es sollen jetzt und anscheinend auch in Zukunft andere, restriktivere Gesetze für sie gelten.
Im Moment geht die Diskussion um die Inklusion in allen Bereichen weit an den Menschen vorbei, die durch die Art und Schwere ihrer Behinderung nicht für sich selbst sprechen können.

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