ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2014Die sieben Todsünden: Völlerei – Alles aus Plastik

KUNST + PSYCHE

Die sieben Todsünden: Völlerei – Alles aus Plastik

PP 13, Ausgabe Februar 2014, Seite 50

Kraft, Hartmut

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Klappen wir diese Pop-up-Grafik zum Thema „Völlerei“ auf, ist das Erstaunen groß. Kein üppig gedeckter Tisch, kein Trinkgelage oder sonstige Genüsse entfalten sich vor unseren Augen – stattdessen schauen wir auf ein schmuckloses Gebäude, eine Laterne und einen Baum vor fahlem Himmel. Ob die Künstlerin das Thema verfehlt hat, mag dem einen oder anderen durch den Kopf schießen. Was soll dieses Bild mit Völlerei zu tun haben?

Einen ersten Anker zum Verständnis finden wir, wenn wir die weißen Striche auf dem Boden vor dem Gebäude entdecken. Sie lassen sich am ehesten als Markierungen für Autostellplätze verstehen. Wenn wir nun noch die Überdachung links vom Haus als Unterstand für Einkaufswagen dechiffrieren, liegt die Interpretation des Gebäudes als Supermarkt auf der Hand. Die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Supermarkt und Völlerei bleibt allerdings bestehen. Viele werden Läden wie Aldi, Lidl, Netto et cetera eher mit der kostengünstigen Befriedigung von Grundbedürfnissen assoziieren denn mit dem altehrwürdigen Laster der Völlerei, wie wir es auf dem Kupferstich von Johann Theodor de Bry im vorigen Heft kennengelernt haben.

An dieser Stelle sei es mir gestattet, eine Anekdote aus unserer Familie einzufügen. Kurz nach der Wende 1989 kam eine meiner Tanten erstmalig wieder aus der DDR nach West-Berlin. Ebenso gut geschult in der Propaganda der SED wie zugleich auch ein kritischer oppositioneller Geist, stand sie staunend vor den üppigen Auslagen an Obst und Gemüse in einem West-Berliner Supermarkt. Ein überwältigender Anblick nach Jahrzehnten des deutlich reduzierten Angebots in den HO-Läden der DDR. Mit einem feinen Lächeln wies sie mit weit ausladender Geste über das farbenprächtige Angebot und sagte nur einen Satz: „Alles aus Plastik!“ Wie hätte man treffsicherer Spott auf sozialistische Propagandastrategien, Kulturschock, Bitternis angesichts jahrelanger Abschottung nach dem Mauerbau und Freude über die neuen Möglichkeiten in nur drei Worten auf den Punkt bringen können?

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Vielleicht braucht der Betrachter diesen Hintergrund, um die Subtilität der Umsetzung des Themas „Völlerei“ („Gula“) durch Franziska Neubert würdigen zu können. Die Künstlerin stammt aus Leipzig, ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen und hat die nach der Wende aus dem Boden schießenden Supermärkte („Pop-up“) als Jugendliche erlebt. Ihr liegen kritische Überlegungen zum Überangebot unserer Konsumgesellschaft vermutlich näher als vielen im Westen aufgewachsenen Künstlern: „Indem wir in Supermärkten einkaufen, manifestiert sich meines Erachtens ein Aspekt: Wir verlieren den Respekt vor dem Lebensmittel. Man kauft kein Huhn, sondern Einzelteile und verliert damit den Bezug zum Tier und in vielen anderen Fällen zum Lebensmittel im Allgemeinen. Diese Entfremdung vom Produktionsprozess – egal ob Tier, Pflanze oder Produkt – verführt zum permanenten Zuvielkaufen und damit am Ende zum Wegwerfen. Die eigentliche Völlerei ist der Überkonsum; wohlwissend, dass weltweit ein Mangel an Lebensmitteln besteht.“ (aus einem Brief der Künstlerin an den Autor)

Dr. med. Hartmut Kraft

Biografie Franziska Neubert

Geboren 1977 in Leipzig, wo die Künstlerin derzeit auch lebt und arbeitet. Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs in Paris. Zahlreiche Preise und Stipendien, unter anderem Graduiertenstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Seit 2008 Lehrauftrag in Dresden. Weitere Informationen unter www.franziskaneubert.de.

1.
Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co in Therapie und Seelsorge. Berlin und Heidelberg: Springer 2012.
2.
Wappenschmidt K, Hüsers K: Völlerei – Genug kann nie genügen. Katalog zur Ausstellung im Kulturzentrum Sinsteden, Rommerskirchen-Sinsteden 2012.
1.Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co in Therapie und Seelsorge. Berlin und Heidelberg: Springer 2012.
2.Wappenschmidt K, Hüsers K: Völlerei – Genug kann nie genügen. Katalog zur Ausstellung im Kulturzentrum Sinsteden, Rommerskirchen-Sinsteden 2012.

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