ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2014Psychisch Kranke in der Arbeitswelt: Gesamtkonzept ist überfällig

EDITORIAL

Psychisch Kranke in der Arbeitswelt: Gesamtkonzept ist überfällig

PP 13, Ausgabe Februar 2014, Seite 49

Bühring, Petra

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Gleich zwei Artikel in diesem Heft befassen sich mit dem Thema Arbeit und psychische Erkrankungen: Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde weist auf die Bedeutung von Arbeit als gesellschaftliche Teilhabe hin und auf den Schutz, den Arbeit vor psychischen Erkrankungen bietet (Seite 60). Sie fordert unter anderem, mehr Möglichkeiten für psychisch Kranke auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) kritisiert in einer aktuellen Studie die hohe Zahl an neuen Frühverrentungen aufgrund psychischer Erkrankungen (Seite 61). Statt die Betroffenen, die im Durchschnitt erst 49 Jahre alt sind, in Frührente und auch Altersarmut zu schicken, sollten ambulante Psychotherapien und passende Rehabilitationsmaßnahmen ausgeschöpft werden, fordert die Kammer.

Doch es hakt zurzeit an vielen Stellen bei der Umsetzung der Forderungen. Um eine verbesserte Situation psychisch Kranker in der Arbeitswelt zu schaffen, um psychischen Erkrankungen vorzubeugen, sie zu erkennen und rechtzeitig angemessen zu behandeln, braucht es ein Gesamtkonzept. Man könnte beginnen mit einer besseren betrieblichen Gesund­heits­förder­ung durch Betriebsärzte, die sich in Kooperation mit Fachärzten und Psychotherapeuten um die psychische Gesundheit der Mitarbeiter kümmern. Arbeitsmediziner betonen aber auch, wie wichtig es ist, dass Führungskräfte für psychische Belastungen am Arbeitsplatz sensibilisiert sind und im Umgang mit depressiven oder suchtkranken Mitarbeitern beispielsweise bei Wiedereingliederungen geschult werden.

Grundsätzlich gehört zu einem Gesamtkonzept auch die frühzeitige Erkennung psychischer Erkrankungen durch Hausärzte, die meist erste Ansprechpartner sind. Doch hier ist noch nicht alles im Lot. Eine rechtzeitige Behandlung psychischer Erkrankungen sollte in Deutschland selbstverständlich sein. Fakt ist aber, dass die Betroffenen etwa drei Monate auf ein erstes Gespräch bei einem Psychotherapeuten warten müssen und dass drei Viertel der psychisch Kranken durch Hausärzte und somatisch tätige Fachärzte versorgt werden (Gaebel, 2013) und nicht durch Psychiater und Psychotherapeuten. Mehr Therapieplätze, kürzere Wartezeiten und eine Umstrukturierung der psychotherapeutischen Versorgung mit offenen Sprechstunden und zusätzlichen Angeboten zur Richtlinien-Therapie erscheinen daher dringend notwendig.

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Damit eine Wiedereingliederung psychisch Kranker in das Arbeitsleben gelingt, ist es ebenfalls wichtig, die Übergänge zwischen Akutbehandlung, Rehabilitation und Eingliederungsmaßnahmen durchlässiger zu gestalten. Die sozialrechtliche Trennung der Bereiche erschwert eine angemessene Versorgung psychisch Kranker. Auch eine bessere Kooperation zwischen Kranken- und Rentenversicherung wäre erstrebenswert. Die BPtK hat unter anderem den Eindruck, dass Krankenkassen – um Krankengeld zu sparen – Versicherte oftmals dazu auffordern, einen Antrag auf Rehabilitation zu stellen, obwohl erst eine Krankenbehandlung notwendig wäre.

Nicht nur die Reaktionen von Gesundheitspolitikern verschiedener Parteien auf die Frühverrentungsstudie der BPtK zeigen, dass das Thema längst in der Politik angekommen ist. Jetzt müssen Taten folgen.

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