ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1999Börsebius zu Aktien: Vorsicht, Rutschgefahr!

VARIA: Schlusspunkt

Börsebius zu Aktien: Vorsicht, Rutschgefahr!

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Aus meiner Kindheit kenne ich noch ganz gut das Märchen von dem Nachtwächter, der sich einen Heidenspaß daraus machte, die Leute immer und nochmals aus den Federn zu scheuchen. Die übungshalber ausgestoßenen "Feurios" stumpften aber mit zunehmender Wiederholung die braven Bürger so sehr ab, daß sie - als es wirklich brannte - sich lieber noch mal in ihren weichen Daunen rumdrehten. Mit schlimmem Ausgang, wie die Mär zu berichten weiß.
Bei Alan Greenspan liegen die Dinge etwas anders. Erstens ist der Mann kein Nachtwächter, sondern Präsident der Federal Reserve, der oberste amerikanische Währungshüter also. Zweitens macht eben dieser Alan Greenspan die Leute nicht aus Jux und Dollerei verrückt, und schon gar nicht hat er testweise immer wieder "Feurio" geschrien, sondern bloß seit einiger Zeit mehrfach auf die überhitzten Aktienmärkte weltweit hingewiesen.
Im Ergebnis aber kommt die Geschichte fast aufs gleiche raus. Es brennt, und keiner nimmt die mahnenden Stimmen ernst.
Als wären die Worte des obersten Bankers der USA purer Quatsch, kümmern sich die Leute keinen Deut um die Warnungen und treiben die Aktiennotierungen munter weiter nach oben. Die Fachleute nennen das BörsenBubble, überhitzte Märkte, Bullenmarkt, um nur einige Ausdrücke zu nennen.
Dabei sagt Greenspan Dinge, wie sie wahrer nicht sein könnten. Um die derzeit hohen Kurse zu rechtfertigen, meinte er dieser Tage, müsse bei den Unternehmen ein beträchtlich höheres Gewinnwachstum zu erwarten sein. Tatsächlich aber melden viele Gesellschaften sinkende Erträge. Also genau das Gegenteil.
Erste Anzeichen für Brüche im puren Börsen-Optimismus lassen sich aber durchaus erkennen. Während in den ersten Januartagen die Europhobie die Kurse noch weltweit nach oben trieb, ging es im Zuge der Brasilienkrise genauso stark wieder nach unten. Und dann wieder nach oben, um dann wieder einer Abwärtsbewegung Platz zu machen, als sich Abwertungsgerüchte um die chinesische Währung breitmachten.
Unter altgedienten Börsianern kursiert eine Weisheit, die sich bislang erstaunlich oft bewahrheitete. "Wie der Januar, so das ganze Jahr", sagen sie. Fazit: Die Kuh ist noch lange nicht vom Eis. Vielmehr ist noch völlig offen, wann sich die Anleger ihre ersten großen Frostbeulen holen.
Sollten die überhitzten Märkte einmal abkühlen, kann durchaus auch eine Eiszeit in die Börsensäle einkehren, von deren Intensität und Dauer heute nur die hartgesottensten Pessimisten eine vage Vorstellung haben. Wohl denen, die dann via Geldmarktfonds und Festverzinsliche entsprechende Sicherheitspolster in ihre Depots gebracht haben. Börsebius
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