ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2014Arbeit für psychisch Kranke: Ungenutzte Potenziale

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Arbeit für psychisch Kranke: Ungenutzte Potenziale

PP 13, Ausgabe Februar 2014, Seite 60

Bühring, Petra

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Erwerbstätigkeit ist für psychisch Kranke eine wichtige Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe. Doch nur wenige schaffen es auf den ersten Arbeitsmarkt. Das soll sich ändern.

Drehte sich die öffentliche Diskussion bislang meist um psychische Erschöpfung durch (zu viel) Arbeit, startete das neue Jahr gleich mit einer Fachveranstaltung zu den protektiven Faktoren von Arbeit. „Arbeit gibt Selbstbewusstsein, ermöglicht Selbstverwirklichung, strukturiert den Tag, schafft Kontakte und gibt Stabilität“, betonte Ulf Fink, Vorsitzender von Gesundheitsstadt Berlin e.V., einem gemeinnützigen Verein, der sich der Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege in der Region Berlin-Brandenburg verschrieben hat. „Arbeit schützt vor psychischen Erkrankungen und gibt schwer psychisch Kranken die so wichtige Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe“, sagte Prof. Dr. med. Wolfgang Maier, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Zusammen mit der Gesundheitsstadt Berlin setzt sich der Fachverband deshalb dafür ein, die Chancen von psychisch Kranken am Arbeitsmarkt zu verbessern.

Psychisch Kranke deutlich häufiger arbeitslos

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Die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos oder frühberentet zu sein, sei bei psychisch Erkrankten nach der repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) vom Robert-Koch-Institut sowie dessen Zusatzmodul „Psychische Gesundheit“ (DEGS1-MH) deutlich erhöht, berichtete Prof. Dr. Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin. Danach haben 50 Prozent der psychisch Kranken mit schweren und chronischen Verläufen keine Arbeit; 20 Prozent haben einen geschützten Arbeitsplatz in einer Behindertenwerkstatt und nur zehn Prozent einen regulären Arbeitsplatz. Dass die Integration psychisch Kranker in den ersten Arbeitsmarkt nicht gelingt, zeigen auch die zunehmenden Zahlen psychisch Kranker in den Behindertenwerkstätten bundesweit: Während 2006 noch 17 Prozent aller Beschäftigten dort psychisch Kranke waren, betrug deren Anteil 2013 bereits 20 Prozent (59 236 Menschen). DGPPN-Präsident Maier forderte angesichts der UN-Behindertenrechtskonvention „das gleiche Recht auch für Menschen mit psychischen Behinderungen, ihren Lebensunterhalt mit Erwerbsarbeit zu verdienen“. Im Hinblick auf den demografischen Wandel machten sowohl Maier als auch Jacobi auf den großen gesellschaftlichen Verlust aufmerksam, wenn Betroffene nie den Arbeitsmarkt erreichen.

Die DEGS-Zahlen korrespondieren mit denen einer kleinen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die zeigt, dass sich unter Empfängern von Arbeitslosengeld II etwa doppelt so häufig psychisch Kranke befinden wie bei gleichaltrigen Erwerbstätigen. Auch Dr. Michael Schubert, Projektleiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e.V., der diese Studie vorstellte, wies auf das Potenzial psychisch Kranker für den Arbeitsmarkt hin. Probleme sieht er jedoch bereits bei der Arbeitsvermittlung: Die Mitarbeiter in den Jobcentern berichteten von Schwierigkeiten, eine psychische Beeinträchtigung zu erkennen, fehlenden Fachkenntnissen für den Umgang mit Betroffenen und zu wenig Zeit für die Betreuung. Zudem setze die klassische Arbeitsmarktpolitik vorrangig auf die Qualifizierung der Betroffenen. „Psychisch Kranke brauchen aber eigentlich ein Entgegenkommen der Arbeitgeber“, sagte Schubert. Die Unternehmen müssten mit dem Gesundheitssystem und den beruflichen Integrationsmaßnahmen besser vernetzt werden, als Partner eingebunden sein.

„Supported employment“ lautet der Fachbegriff hierfür, erläuterte Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller, Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Universität Leipzig. In vielen Ländern würden psychisch Kranke direkt auf dem ersten Arbeitsmarkt platziert und durch einen Jobcoach begleitet, der sie in Krisen unterstütze und den Kontakt zum Arbeitgeber halte. Dieser Ansatz („first place then train“) bewirke einen starken Anstieg der Erwerbstätigkeit von psychisch Kranken, im Gegensatz zu der in Deutschland traditionellen Form der Berufsvorbereitungstrainings.

Mitarbeiter in Jobcentern brauchen mehr Schulung

„Wir müssen diese evidenzbasierten Maßnahmen allerdings auch in die Praxis einführen“, forderte Riedel-Heller. „Sie eröffnen für die Betroffenen besondere Chancen.“ Bisher fördere die Bundesagentur für Arbeit nur 4 000 Fälle unterstützter Beschäftigung, berichtete Heinrich Alt, Vorstand für Grundsicherung der Bundesagentur: „Das müssen wir deutlich ausbauen.“ Arbeitgeber zu finden, für die psychisch Kranke kein Problem sind, sei jedoch keine ganz leichte Aufgabe. Auch in den Jobcentern sei hinsichtlich der Schulung der Mitarbeiter und einer kontinuierlichen Betreuung der Betroffenen daher noch einiges zu tun.

Petra Bühring

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