ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2014Amoklauf: Integration des Traumas

POLITIK

Amoklauf: Integration des Traumas

PP 13, Ausgabe Februar 2014, Seite 71

Jachertz, Norbert

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Die hohe Aufmerksamkeit befeuert die Täter und schadet den Opfern. Prävention ist problematisch. Die Betreuung der Traumatisierten ist mangelhaft.

Amok kommt selten vor. Doch er haftet derart im öffentlichen Gedächtnis, dass er als häufig erinnert wird. Die Taten sind schwerwiegend, so dass Amok als bedrohlich erscheint. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde hatte bei ihrem Jahreskongress 2013 renommierte Amokforscher aus Deutschland verpflichtet, dazu den Psychiater Ulrik Frederik Malt aus Oslo, der den Amoktäter Anders Behring Breivik begutachtet hatte, sowie Gisela Mayer aus Winnenden, die Mutter eines Amokopfers. Zusammenfassend:

  • Es empfiehlt sich, stets zwischen jungen und erwachsenen Amokläufern zu unterscheiden. Amokläufer weisen zwar gemeinsame psychisch-soziale Merkmale auf, insbesondere die gesellschaftliche Isolation. Auffallend sind aber auch deutliche Unterschiede zwischen jungen und erwachsenen Tätern in Bezug auf das psychotische Moment bei letzteren.
  • Politisch/religiös motivierte Terroristen „ticken“ anders als „klassische“ Amokläufer. Terroranschläge mögen Amokläufen gleichen, doch die Täterstrukturen sind andere: Terroristen sind Teil einer Gemeinschaft, auch wenn sie als Einzeltäter auftreten, Amokläufer durchweg echte Einzelgänger.
  • Der verständliche Wunsch, Amokläufe verhüten und potenzielle Amokläufer identifizieren zu können, läuft immer noch ins Leere. Denn die Eigentümlichkeiten der Täter fallen erst im Nachhinein auf, selbst die Botschaften von Tätern vor dem School-shooting werden übersehen. Und kaum ein sozial Auffälliger oder psychisch Gestörter wird je zum Amokläufer.
  • Präventiv wirksam wäre eine Beschränkung der Medienberichterstattung. Denn die Aktion von Tätern und die Reaktion der Gesellschaft, über die fleißig berichtet wird, verstärkten sich gegenseitig und bestätigten dem Täter, sein Ziel (Rache, Verstörung der Gesellschaft) erreicht zu haben, so der Psychiater Prof. Dr. med. Norbert Nedopil, München. Gerade junge Täter laden sich Videos „erfolgreicher“ Amoktaten aus dem Netz herunter und lassen sich zur Nachahmung anstacheln, berichtete die Kriminologin Britta Brannenberg (Gießen).
  • Den Opfern tut die Medienberichterstattung nicht gut. Gisela Mayer aus Winnenden sprach gar von einer „sekundären Viktimisierung“ durch ein „grenzüberschreitendes Verhalten“ einzelner Medien. Die Medien ziehen ab, das öffentliche Interesse lässt nach, zurückbleiben die Amokopfer. Die nachhaltige Opferbetreuung, ein weites Feld für Psychiater wie Psychotherapeuten, lässt zu wünschen übrig.

Der Psychiater Lothar Adler (Mühlhausen) nennt als Faustformel für Deutschland 50 Amoktaten pro Dekade. Aus einer Auswertung von 169 Fällen seit 1980 errechnet er, dass statistisch gesehen alle 2,3 Monate ein Amoklauf vorkommt mit jeweils 1,3 Toten und 3,3 Verletzten. Der Frauenanteil liegt bei fünf Prozent. Britta Brannenberg differenziert: Unter den 21 jungen Tätern aus den Jahren 1992 bis 2010 war nur ein Mädchen, unter den 35 Erwachsenen eine Frau. Auch „Terrorismus ist immer noch Männersache“, bestätigte der Forensiker Prof. Dr. med. Norbert Leygraf, Essen, der 29 Probanden mit islamistischem Hintergrund begutachtet hat.

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Junge wie erwachsene Täter weisen vielfach gestörte Beziehungen zu Familie, Freunden oder Partnern auf; Konflikte am Arbeitsplatz und in der Schule sind häufig. Sie fühlen sich oft gekränkt und minderwertig, andererseits erhaben über ihre Mitmenschen. Geplante Taten sind meistens mit intensiven, über lange Zeit aufgebauten Hassgefühlen verbunden (Malt). Bei erwachsenen Tätern sind psychische Krankheiten wie Schizophrenie, Depression und Persönlichkeitsstörungen bis hin zu Wahn deutlich überrepräsentiert (Adler). Dennoch könne die Konstellation von „psychischer Krankheit und Konflikten“ Amok nicht erklären, so Adler.

Die Opfer der Anschläge werden schnell vergessen. Unmittelbar nach der Tat werden Überlebende und Angehörige zwar therapeutisch betreut. „Doch wie sieht es nach einem oder zwei Jahren aus“, fragte Prof. Dr. med. Henning Saß, Psychiater aus Aachen. Posttraumatische Belastungsstörungen zeigen sich erst allmählich oder nach Jahren. Wenn schwere Gefühlsstörungen länger als vier Wochen nach dem Ereignis anhalten, dann steigt das Risiko, so Malt, langzeitig zu erkranken. Er empfahl einen „Here-and-now“-Ansatz, um das Ereignis emotional zu bewältigen und die Zukunft zu planen. Unproduktiv sei es hingegen, in der Vergangenheit zu verharren. Gisela Mayer aus Winnenden drückte das so aus: „Es gibt im eigentlichen Sinne keine Heilung, kein Wiederherstellen eines Zustandes ,davor‘, es gibt nur die Integration des Traumas und damit einen wesentlich neuen Lebensentwurf.“

Norbert Jachertz

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