ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1999Glosse: Anleitung für Antragsteller von Pflegegeld

VARIA: Schlusspunkt

Glosse: Anleitung für Antragsteller von Pflegegeld

Behr, Otmar

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LNSLNS Die Pflegekasse hat, so der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, einen beträchtlichen Überschuß "erwirtschaftet". Wie dies zustande kommt, erfahren viele Alte, Gebrechliche, Behinderte, Unselbständige und psychisch Kranke, die ihren Angehörigen zur Last fallen. Sie stellen einen Antrag, der mit fadenscheiniger Begründung abgelehnt wird.
Im wesentlichen führen zwei Ursachen zu Fehleinschätzungen:
1. Die Prüfärzte verfügen oft nicht über die erforderliche Erfahrung im Umgang mit der obengenannten Personengruppe.
2. Die Betroffenen sind zu eitel, ihre Mängel zuzugeben und zu einfältig, energisch zu protestieren.
Zu 1): Bei der Auswahl der Vertrauensärzte sollte man nicht kritiklos auf pensionierte oder arbeitslose Mediziner zurückgreifen, sondern auf eine besondere Qualifikation im psychologisch-geriatrischen Fachbereich Wert legen. Die gute Vorbildung kostet natürlich.
Zu 2): Der (die) Antragsteller(-in) sollte folgende Regeln beachten:
Vergessen Sie Ihre Eitelkeit für kurze Zeit und geben Sie sich wie immer ein bißchen schlampig, ungepflegt, faul und klagsam. Jeglicher Ehrgeiz, dem Prüfarzt durch Leistung zu imponieren, ist verboten.
1 Gehen Sie vor dem Arztbesuch nicht zum Frisör!
1 Putzen Sie vor dem Erscheinen des Doktors nicht die Wohnung wie an einem hohen Feiertag!
1 Ziehen Sie nicht Ihre besten Kleider an!
1 Fallen Sie nicht auf Tricks herein! Zum Beispiel, wenn der Herr Doktor den Kugelschreiber fallen läßt, sollte Sie das kaltlassen.
1 Antworten Sie nie mit den Worten: "Es geht mir gut!"
1 Verheimlichen Sie nicht, daß Ihre Kinder sich überhaupt nicht um Sie kümmern!
1 Verheimlichen Sie auch nicht, daß es Ihnen an Geld mangelt! Tun Sie nicht so, als ob Sie auf Pflegegeld gar nicht angewiesen seien!
Die schwerbelastenden Überschüsse der Pflegekasse lassen sich bei sorgfältiger Beachtung dieser Regeln leicht neutralisieren.
Die eingezahlten Beiträge gehören den Versicherten! Eine für die Not der Menschen geschaffene Solidaritätskasse muß keine hohen Gewinne erwirtschaften wie ein Autokonzern. Allerdings sollten wohlhabende Familien mit Sinn für Anstand und gute Sitten freiwillig auf einen Antrag zur Erlangung von Pflegegeld verzichten. Dr. med. Otmar Behr
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