ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2014Chronische Depression: Verbindung von Theorie, Praxis und Forschung

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Chronische Depression: Verbindung von Theorie, Praxis und Forschung

PP 13, Ausgabe Februar 2014, Seite 89

Sasse, Heiner

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Den Autoren des Buches gelingt mit der Dreiteilung von Verstehen und Behandlung von chronischen Depressionen und deren empirischer Untersuchung eine umfassende Darstellung. In der Einleitung wird die beunruhigende Datenlage dargestellt: Diese Patienten erkranken sehr häufig wiederholt, die Erkrankung führt zu dauerhaften und zunehmenden seelischen wie interpersonellen Schwierigkeiten, zu sozialem Rückzug und ist schwer behandelbar.

Der erste Teil des Bandes befasst sich mit Konzepten zur chronischen Depression. Ein kognitives verhaltenstherapeutisches Therapiemodell wird vorgestellt, und erste Ergebnisse einer vergleichenden Studie zu Langzeittherapien bei chronischen Depressionen (LAC) werden diskutiert. In einem Überblick über psychoanalytische Konzepte werden sieben Entstehungspfade und Behandlungsimplikationen erläutert. Die Tendenz chronisch depressiver Patienten zum sozialen Rückzug wird aufgezeigt, ebenso wie Überlegungen zur Bedeutung von Arbeitslosigkeit.

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Dieser Teil zeigt die Grenzen und die Möglichkeiten von Konzepten, die experimentell erfassbar sind. Kritisch anzumerken ist daher, dass wesentliche Elemente der Depressionsentstehung (weil derzeit noch experimentell schwer erfassbar) unbeachtet bleiben. Die ungelöste Individuationsaufgabe der Depressiven entsteht nach Traumatisierungen oder nach dauerhaft von nahen Bezugspersonen ausgeübter Macht. Gerade rigide wie absolute Machtverhältnisse verhindern die notwendige Trennungsfähigkeit beziehungsweise die Entwicklung von Subjekthaftigkeit. Die Internalisierung (und spätere Antizipation) dieser Unterlegenheitsposition führt zur Bildung eines absoluten und rigiden Über-Ichs. Der soziale Rückzug ist in der Folge des absoluten Gewissens Schutz vor erneuter Übermächtigung; mit dem rigiden Über-Ich wird unbewusst aktiv intrapsychisch wie interpersonell Macht ausgeübt, Rache oder Wandelwunsch werden so unbewusst umgesetzt. Zur Überwindung oder Lockerung dieser Dynamik braucht es „gute Abhängigkeiten“, die der depressive Patient nicht zulassen kann, weil es keine verlässlich guten Objekte gab.

Im zweiten Teil des Buches werden verschiedene Praxisfelder dargestellt: verhaltenstherapeutische Interventionen und neuere analytische Konzepte. Konkret werden Langzeitbehandlungen dokumentiert, Konzepte in einer Tagesklinik sowie die Spezifikationen bei älteren depressiven Patienten diskutiert. Dieser Teil ist mutig und lebensnah geschrieben. Die Unterschiede zwischen den Verfahren werden erkennbar.

Im Forschungsteil werden sowohl die Komplexität der Aufgabe, aber auch die Anstrengungen der Forschergruppen deutlich. Es geht um Erkenntnisgewinn und Kooperation statt um Überlegenheitsstreben. Das Autorenteam der LAC- Studie stellt das Design dieser Vergleichsstudie vor. Aus den Züricher Depressionsstudien werden beeindruckende Ergebnisse dargestellt, in der emotional-kognitive Aspekte und diverse bildgebende Verfahren entsprechender Hirnregionen untersucht werden. Die Tavistock Adult Depression Study, die therapieresistente beziehungsweise therapierefraktäre Patienten untersucht, wird erläutert. Die Münchner Psychotherapiestudie belegt gravierende Unterschiede zwischen den Richtlinienverfahren. Aus der Studie zum Vergleich zwischen einer spezifisch für depressive Patienten entwickelten Therapieform und einer unspezifischen Form scheinen die Ergebnisse vorhersehbar. Zum Abschluss werden Teilergebnisse aus der Praxisstudie analytische Langzeittherapie zu den chronisch depressiven Patienten zusammengefasst.

Sehr gut erscheint im dritten Teil das differenzierte Vorgehen der Forschergruppen, die Kritik an experimenteller Forschung aufgegriffen haben und dadurch neue Perspektiven eröffnen. Dadurch ist die Verbindung von Theorie, Praxis und Forschung so nachvollziehbar und differenziert gelungen, dass dieses Vorgehen ein Zukunftsmodell sein dürfte. Heiner Sasse

Marianne Leuzinger-Bohleber, Ulrich Bahrke, Alexa Negele (Hrsg.): Chronische Depression. Verstehen – Behandeln – Erforschen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, 358 Seiten, kartoniert, 39,99 Euro

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