ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2014Kurt R. Eissler: Späte Geschenke, die erst in Deutschland ihre Wirkung entfalten

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Kurt R. Eissler: Späte Geschenke, die erst in Deutschland ihre Wirkung entfalten

PP 13, Ausgabe Februar 2014, Seite 88

Moser, Tilmann

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Konstanze Zinnecker-Mallmann hat in jahrelanger Arbeit fast vergessene, aber zentrale Texte von Kurt R. Eissler in einem voluminösen Band gesammelt. Eissler wurde mit 30 Jahren Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, emigrierte in die USA und wurde dort zum gesuchten Lehranalytiker. Vor allem aber hütete er von 1951 bis 1985 als Sekretär die Schätze des Sigmund-Freud-Archivs in New York, das er selbst gegründet hatte. In Deutschland bekannt wurde er durch die zweibändige psychoanalytische Studie über Goethe und andere wichtige, aber weniger beachtete Werke. Er publizierte notgedrungen in amerikanischen Zeitschriften, aus denen jetzt Texte zum ersten Mal auf Deutsch zugänglich werden.

In einer klugen und einfühlsamen Einleitung windet die Herausgeberin ein Band um die „späten Geschenke“, die erst in Deutschland ihre Wirkung entfalten können. Sie schreibt: „Die nunmehr jahrelange Beschäftigung mit seinen Texten kam für mich einer Lehranalyse gleich“, die diese in ihrer Ausbildung zur Analytikerin längst schon einmal absolviert hatte. Aber der Satz zeigt, wie sehr man mit Eissler reifen kann, an seinem vieldimensionalen Reichtum des Wissens wie seiner strengen, an Freud geschulten Sprachgewalt. Freud war sein Gott, obwohl er beklagte, dass er ihn nie persönlich getroffen hat.

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Er erlebte in ihm den Inbegriff eines Genies und entfaltete in staunenswerter Kenntnis des gesamten Werkes und aller Briefzeugnisse seine eindrucksvolle These, dass die scheinbar psychopathologischen Zustände, die Goethe (wie andere großen Künstler) lebenslänglich zu erleiden hatte, nicht psychiatrisch zu deuten sind, sondern als umwälzende Katastrophen der Reifung zu neuen Dimensionen der literarischen Produktivität. Dafür zeugt der zentrale Aufsatz „Psychopathologie und Kreativität“, zusammen mit dem Text „Die Beziehung zwischen Erklärung und Verstehen in der Psychoanalyse“, beide zum ersten Mal auf Deutsch zugänglich. Wären sie hierzulande bekannt gewesen, hätten sie das Fundament aller späteren Überlegungen der Forscher bilden können, die sich der analytischen Deutung von Kunst und Literatur zugewandt haben.

Weitere Texte beschäftigen sich mit Shakespeare, Freuds Verhältnis zur Kunst im weitesten Sinn, und auch hier wartet Eissler mit umwälzenden Thesen auf: Für Freud waren die großen Künstler Geistesheroen, die ebenso tief wie er, aber auf anderem Weg, die Geheimnisse des Seelenlebens ergründeten. Und deshalb las er sie, nicht um sie zu diagnostizieren mit seinem bereits erarbeiteten Theoriegebäude, sondern Eissler zeigt, wie er von ihnen dankbar lernte, sich aber auch bestätigen ließ, auf dem richtigen Weg zu sein. Tilmann Moser

Kurt R. Eissler: „Diese liebende Verehrung . . .“. Essays zu Literatur, Kunst und Gesellschaft. Herausgegeben von Konstanze Zinnecker-Mallmann. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main, 2013, 428 Seiten, gebunden, 49,90 Euro

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