ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2014Mentalisieren in der Therapie: Wissenschaftlich noch am Anfang

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Mentalisieren in der Therapie: Wissenschaftlich noch am Anfang

PP 13, Ausgabe Februar 2014, Seite 87

Koch, Joachim

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Die Grundlagen des Mentalisierungskonzepts werden in diesem Buch umfassend und praxisbezogen dargelegt. Unter „Mentalisieren“ kann der Prozess verstanden werden, bei dem sich jemand seine Gedanken und Gefühle vergegenwärtigt. Mentalisieren ist eine Form der Achtsamkeit, bei der wahrgenommen wird, was eine andere Person denkt und fühlt und was man selbst denkt und fühlt. Die mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) wurde aus der psychoanalytischen Psychotherapie heraus entwickelt, als festgestellt wurde, dass Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen entweder ihre psychoanalytische Psychotherapie gar nicht antraten, sie vorzeitig abbrachen oder von der Therapie nicht profitieren konnten.

Nach einem Abschnitt über die theoretischen Grundlagen werden die Anwendungen behandelt. Der Autor zeigt, wie das Mentalisierungsniveau der Patienten eingeschätzt werden kann. Wenn bei den Patienten ein Mentalisierungsdefizit diagnostiziert wird, wird in der Therapie an der Erweiterung der Mentalisierungsfähigkeit gearbeitet. Es wird gezeigt, wie Therapeuten mentalisierungsfördernd intervenieren können. Das ausführliche Besprechen von Fehlern gehört zu den Grundprinzipien der MBT. Hier kann neu über den Zusammenhang ihres Entstehens reflektiert werden einschließlich der damit einhergehenden Gefühle und Gedanken. Auch der Therapeut gesteht eigene Fehler ein und fördert dadurch die therapeutische Beziehung und das Mentalisieren.

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Der Autor geht davon aus, dass Psychotherapeuten nach einer theoretischen Vermittlung und Interventionsübungen im Rollenspiel relativ schnell mentalisierungsbasierte Therapieelemente in ihr Repertoire integrieren können. Auf 100 Seiten geht es dann um ausgewählte spezielle Anwendungen. Es wird auf Autismus-Spektrum-Störungen, Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, Depressionen sowie somatoforme Störungen eingegangen.

Um zu hohe Erwartungen an die therapeutischen Möglichkeiten des neuen, spannenden Modells vielleicht etwas zu bremsen, kann vermerkt werden, dass der Autor davon ausgeht, dass das Mentalisierungsmodell wissenschaftlich gesehen erst noch am Anfang steht. So ist auch bei Patienten mit Depression noch unklar, ob tatsächlich Mentalisierungsdefizite vorliegen. Joachim Koch

Ulrich Schultz-Venrath: Lehrbuch Mentalisieren. Psychotherapien wirksam gestalten. Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 456 Seiten, gebunden, 37,95 Euro

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