ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2014Körperbilder: Otto Dix (1891–1969) – Maden und Würmer

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Otto Dix (1891–1969) – Maden und Würmer

Dtsch Arztebl 2014; 111(7): [72]

Schuchart, Sabine

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Die Bilder von verstümmelten Körpern und verwesenden Leichen gingen ihm auch im Frieden nicht aus dem Kopf. Zehn Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnerte Otto Dix in 50 Radierungen an dessen Grausamkeit: das brutale Sterben auf den Schlachtfeldern, von Maschinengewehren zerfetzte Leiber, ein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Gesicht, ein Schädel, in dem sich Maden und Würmer eingenistet haben. Mit diesen gespenstischen Bildern kämpfte er 1923/24 gegen das Vergessen der Kriegshölle durch die Gesellschaft – und bearbeitete zugleich die eigenen Traumata aus dreieinhalb Jahren Fronteinsatz.

Im Gegensatz dazu hatte der Künstler zwischen 1914 und 1918 in Hunderten von Zeichnungen und Gouachen, die er etwa in Gefechtspausen anfertigte, eher die Kampfmomente und dynamischen Aspekte des Kriegs thematisiert, wie Dix-Experte Prof. Dietrich Schubert betont. Erst in seinen zweiten Kriegsszenen ein Jahrzehnt später entlarvte Dix das „hinter der Maske jener Dynamik liegende wahre Gesicht: die Folgen für die Menschen, das Verrecken, den Tod, das Verfaulen, die Gerippe“, so Schubert in den Kunsthistorischen Arbeitsblättern. Dabei schöpfte Dix nicht nur aus seinen Erinnerungen, er griff auch auf Fotos zurück und ließ sich in der Pathologie eines Dresdener Krankenhauses sezierte Leichen zeigen. Doch es ging ihm nicht um eine detailgetreue Wiedergabe des Grauens. Die beklemmende Wirkung, die seine düsteren Kriegsradierungen mit ihren starken Helldunkel-Kontrasten auslösen, erzielte er unter anderem durch „visionäre Überhöhungen oder peinigende Halluzinationen“ (Schubert). Das gilt auch für Blatt 31 des Werkzyklus, den „Schädel“, kulturübergreifend ein Symbol für die Allgegenwart des Todes. An dem von Ungeziefer attackierten Totenkopf führte Dix die apokalyptische Auslöschung der menschlichen Existenz durch den Krieg vor Augen. Diese Botschaft war natürlich den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Dix gehörte zu den prominentesten Vertretern der sogenannten entarteten Kunst; 1933 wurde er als Professor an der Dresdener Akademie entlassen. Sabine Schuchart

Ausstellung

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„100 Jahre Erster Weltkrieg. Positionen aus der Sammlung“
Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1, Stuttgart; www.kunstmuseum-stuttgart.de; Di.–So. 10–18, Fr. 10–21 Uhr; bis 27. April 2014

1. Olaf Peters: „Otto Dix: Der unerschrockene Blick. Eine Biographie“, geb. Ausgabe, 280 Seiten, Reclam 2013; 22,95 Euro

2. Dietrich Schubert: „Otto Dix. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten“, broschiert, 160 Seiten, 5. verbess. Aufl., Rowohlt 2001; 8,95 Euro

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