ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2014„Und morgen Mittag bin ich Tot“: Leas letzte Reise

KULTUR

„Und morgen Mittag bin ich Tot“: Leas letzte Reise

Dtsch Arztebl 2014; 111(7): A-274 / B-238 / C-228

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die an Mukoviszidose leidende Lea möchte nicht auf einer Intensivstation sterben. Sie reist in die Schweiz, um sich dort im Beisein ihrer Familie bei einem Sterbehilfeverein das Leben zu nehmen.

Ein letztes Schnitzel: Lea (Bildmitte) mit Familie und Exfreund am Vorabend ihres Todes. Fotos: Universumfilm
Ein letztes Schnitzel: Lea (Bildmitte) mit Familie und Exfreund am Vorabend ihres Todes. Fotos: Universumfilm

Kaum war Hermann Gröhe (CDU) im Amt, belebte der neue Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter die Diskussion um ein Verbot der Sterbehilfe neu. „Ich wünsche mir, dass wir jede geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellen”, sagte er Anfang des Jahres in einem Zeitungsinterview. Noch in diesem Jahr würde der Minister gerne ein entsprechendes Gesetz verabschieden. Von vielen Seiten bekam er Zustimmung für seinen Vorstoß, unter anderem von der Bundes­ärzte­kammer. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode hatte die schwarz-gelbe Regierung einen Gesetzentwurf vorgelegt, mit dem die gewerbsmäßige Suizidbeihilfe unter Strafe gestellt werden sollte – nach langer Debatte konnte sich die Regierung am Ende jedoch nicht auf einen Konsens einigen.

Anzeige

Während die Diskussion um eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe nun neu entfacht wurde, läuft ein Film in den deutschen Kinos an, der sich eindringlich, wenn auch wenig differenziert, mit dem Thema befasst. Lea, Anfang 20, leidet an Mukoviszidose – wie ihr älterer Bruder, der bereits an den Folgen der Krankheit gestorben ist. Auch sie wird sterben, das weiß sie. Aber sie möchte nicht wie ihr Bruder auf einer Intensivstation sterben, sondern an einem von ihr selbst gewählten Tag, ihrem Geburtstag, im Beisein ihrer Familie. So fährt sie nach Zürich, nimmt sich ein Zimmer in einem kleinen Hotel, spricht mit den Mitarbeitern des Sterbehilfevereins. Erst jetzt informiert sie ihre Familie von ihrem Plan. Noch in der Nacht treffen ihre Mutter, Schwester und Oma bei ihr ein. Insbesondere ihre entsetzte Mutter versucht verzweifelt, sie von ihrem Entschluss wieder abzubringen. Doch Lea lässt sich nicht umstimmen. „Ich habe diese Krankheit schon mein ganzes Leben lang. Und ich habe keine Lust mehr“, sagt sie.

„Und morgen Mittag bin ich tot“ präsentiert die gewerbsmäßige Sterbehilfe leichthin als sinnvolle Option für sterbende Menschen, selbstbestimmt und in Würde aus dem Leben zu scheiden. Lea geht es dabei in erster Linie darum, im Beisein ihrer Familie sterben zu können. „Sonst könnte ich ja auch von einer Brücke springen“, meint sie einmal. Auch die Schweizer Sterbehelfer trüben das Bild eines würdevollen assistierten Selbstmordes nicht: Sie sind durchweg integer und empathisch.

Die ethischen Probleme,

die einer gewerbsmäßigen Sterbehilfe innewohnen, sowie die Möglichkeiten der modernen Palliativmedizin werden mit keinem Wort erwähnt. Und auch die Chancen, die eine Lungen­trans­plan­ta­tion bietet, werden nur verkürzt dargestellt. So eindimensional der Film insofern sein Thema präsentiert, so ernsthaft offenbart er doch die Gefühle seiner Protagonisten, insbesondere die existenziellen Ängste und Sorgen von Tochter und Mutter. Was dem Drehbuch an Zwischentönen fehlt, erzeugt zudem die für diese Rolle mehrfach ausgezeichnete Liv Lisa Fries als Lea mit ihrem differenzierten Spiel, das jugendlichen Esprit und Lebenslust glaubhaft mit der Lebensmattheit kontrastiert, die ihre Krankheit ihr mit den Jahren durch jeden Atemzug auferlegt hat.

Regiedebütant Frederik Steiner inszeniert sein Drama darüber hinaus ebenso zart wie stilvoll und visualisiert mit Hilfe seiner herausragenden Akteure ein gesellschaftlich hochrelevantes Thema – wenn schon nicht mit Realitätsnähe, so doch mit großer Intensität und Dichte. „Und morgen Mittag bin ich tot“ läuft ab dem 13. Februar in deutschen Kinos.

Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #681985
Marek42
am Mittwoch, 26. März 2014, 23:10

Sterbehilfe am konkreten Beispiel

Daß Sterbehilfe bzw. begleiteter Suizid ein schwieriges und nahegehendes Thema ist, wird in dem Film sehr deutlich gezeigt. Sicher werden auch einige Abkürzungen genommen, wo im realen Leben die Wege anders sind. Aber: der Konflikt musste ja irgendwie komprimiert werden, damit er in die Kinofassung passt.

Wenn der Kritiker aber behauptet "auch die Chancen, die eine Lungen­trans­plan­ta­tion bietet, werden nur verkürzt dargestellt", dann schwingt damit im Hintergrund der Wunsch mit, eine Lungen-TX wäre für Mukopatienten die Lösung aller Probleme. Sie ist es nicht. Da ist zum ersten der Mangel an Spenderorganen. Schon vergessen? Die meisten Patienten mit derartig schweren Diagnosen sterben uns auf der Warteliste weg. Auch ist nicht bei jedem Patienten eine TX möglich. Ausschlussgründe sind zB. die Besiedlung der Atemwege mit sog. Problemkeimen, am beliebtesten ist Burkholderia cepacia. Aber: je schlechter der Lungenzustand, desto häufiger liegt eine Besiedlung mit genau diesen Problemkeimen vor, die ja nicht ohne Grund so heißen. Somit steht für die Patienten, die es am nötigsten haben, diese Option gar nicht mehr zur Debatte. Dann sind die Komplikationen eines derartigen Eingriffes und die lange und kritische Rehaphase, in der alles mögliche passieren kann, dem Filmkritiker nicht bewusst. Im Film wird das am Beispiel des transplantierten Bruders angedeutet. Und last but not least: wenn alles gut geht und die Lunge tatsächlich voll arbeitet, dann sind zwar die Luftnot und die eingeschränkte Leistungsfähigkeit tatsächlich überwunden, aber die dann einzunehmende Medikamentenlast ist - speziell für jüngere Mukopatienten - eine erhebliche Einschränkung. Und die Langzeitprognose ist - je nach konkretem Immunsystem - unbestimmt. Die 5-Jahresrate liegt bei >50%, die 10-Jahresüberlebensrate bei besser als 25%. Das ist zwar besser als absehbares Ersticken innerhalb von Wochen, aber auch nicht wirklich gut.

Regelrecht zynisch ist die Bemerkung "sowie die Möglichkeiten der modernen Palliativmedizin werden mit keinem Wort erwähnt". Gegen akute und chronische Schmerzen kann man in der Tat recht wirksam vorgehen und diese in der Endphase auch so dosieren, daß der Patient keine Schmerzen mehr hat - wobei es auch da leider bei CA-Fällen Ausnahmen gibt. Daß derartig sedierte Patienten auch im hochgelobten Hospiz nur noch dahindämmern, sollte dem Schreiber der Zeilen bekannt sein, und er müsste die Frage beantworten, was eigentlich daran besser ist. Leider ist gegen das Symptom der chronischen Luftnot sogar im Ruhezustand und mit Konzentrator nun schon gar kein Kraut gewachsen, und die Angst, zu ersticken, kann ich nicht mit irgendwelchen Schmerzpflastern oder iv. wegkurieren - es sei denn, ich schalte das Bewusstsein aus. Und dann dieselbe Frage: Was hat der Patient davon? Und leider landen solche Fälle eben immer noch regelmäßig auf der Intensiv, und nicht im Hospiz.

Der Film gibt einen Denkanstoß, leider ist er nur von wenigen Menschen in D gesehen worden. Aber er kommt ja irgendwann bei arte.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema