ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2014Neurobildgebung: Ego und Gehirn
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Man fragt sich, was die treibende Kraft hinter einer Forschung ist, die . . . das Ziel hat, „das gesamte Wissen über das menschliche Gehirn . . . zu bündeln und mit computergestützten Modellen virtuell nachzubilden?“ Was können bei der Knappheit der Ressourcen und anderen, vielleicht doch dringenderen humanitären Anliegen der Wissenschaft die Gründe für die Bevorzugung dieser Forschung sein?

Ein paar kritische Anmerkungen dazu seien erlaubt. In der Tat scheint es zwar kaum etwas Wichtigeres zu geben, als dem Ursprung des menschlichen Selbstverständnisses nachzuspüren. Und dieses wird heute, teils zu Recht, teils zu Unrecht, auf das Gehirn bezogen. Wie sollen jedoch künftige Forschungsprogramme klären, „was sich durch Neurobildgebung über die Persönlichkeit eines Menschen, sein Erleben und sein Verhalten erfahren lässt“? . . . Hier scheint bereits ausgemacht zu sein, dass man durch Hirnscans etwas über die Persönlichkeit, das Erleben und Verhalten des Menschen erfahren kann. Man weiß nur noch nicht was. – Was unbehaglich macht ist, dass die moderne Hirnforschung ihre Forschungsziele gar nicht mehr näher zu definieren braucht. Ihre Diktion ist apodiktisch und doktrinär . . . Der Zugang zur Persönlichkeit, zu ihrem Erleben und Verhalten ist nicht über das Gehirn möglich . . . Über das Erleben und Verhalten eines Menschen kann man nur etwas erfahren, indem man ihn wahr- und an seinem Leben teilnimmt (V. Weizsäcker), seine Perspektiven als individuelle Person zeitweise teilt, mit ihm mitfühlt und spricht usw. Erst auf Grundlage dieser primären interpersonalen Beziehung lässt sich überhaupt etwas darüber aussagen, was im Gehirn von Menschen jeweils repräsentiert sein könnte . . .

Indem die Hirnforschung die Deutungshoheit über das Ich-Erleben beansprucht, wird dieses zu einem Phantom im Gehirn, wird marginal. Damit aber wird auch das menschliche Leben selbst marginal . . . Da die Blackbox des Gehirns auf unerklärliche Weise Geist produzieren oder beinhalten soll, bleibt der lebendige, bewusste Mensch selbst unbeachtet.

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Zu Recht interessiert Ethiker daher besonders die Frage, „was die neuen Bilder vom Gehirn mit unserem Selbstverständnis zu tun haben“ (C. Woopen). Das Selbstverständnis, soweit es von der Hirnforschung geprägt ist, gründet nicht mehr auf dem lebendigen eigenen Ich, dessen Interaktion mit der Welt wesentlich im empathischen Austausch mit anderen besteht, sondern auf einem Phantom . . . Das Ego-Modell im Gehirn ist allerdings weder wissenschaftlich noch ethisch überzeugend. Denn im tatsächlichen Leben wie in der Ethik geht es nicht um Fiktionen, nicht um eine formale Existenzbehauptung, sondern allein um das persönlich verantwortete, reale ethische Tun. – Das Grundproblem von Gehirn und Geist hängt offenbar damit zusammen, dass das umfassende, weltoffene menschliche Ich auf ein formales Ego im Gehirn reduziert worden ist. Ob die in den nächsten zehn Jahren avisierten Forschungen mit computergestützten Hirnmodellen daran etwas ändern werden? . . .

Dr. med. Hans Jürgen Scheurle, 79410 Badenweiler

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