ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2014Versorgung von Krebspatienten: Noch viele ungenutzte Potenziale

SEITE EINS

Versorgung von Krebspatienten: Noch viele ungenutzte Potenziale

Dtsch Arztebl 2014; 111(7): A-237 / B-205 / C-197

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Dass die Überlebenschancen bei Krebs international differieren, ist bekannt, dass es national Unterschiede zwischen einzelnen Regionen geben kann, ebenfalls. Aber gilt Letzteres für eines der reichsten Länder der Welt, wo praktisch alle Bürger krankenversichert sind, für Deutschland? „Ja“, ist die Antwort auf diese Frage, die sich Epidemiologen des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg und regionaler Krebsregister gestellt haben. Die erste zu diesem Thema publizierte Studie mit detaillierten Daten aus Deutschland belegt: Erkrankte aus dem sozioökonomisch schwächsten Fünftel der untersuchten Landkreise – sie decken 40 Prozent der Gesamtbevölkerung ab – hatten in den ersten drei Monaten nach der Diagnose ein um 33 Prozent höheres Risiko zu sterben als Patienten aller anderen Regionen (IJC 2013; DOI: 10.1002/ijc.28624). Neun Monate nach der Diagnose betrug der Unterschied 20, und nach fünf Jahren 16 Prozent.

„Zunächst hatten wir vermutet, dass Menschen in ärmeren Gegenden möglicherweise die Früherkennung seltener wahrnehmen“, sagt Dr. sc. hum. Lina Jansen, Erstautorin der Arbeit. „Aber daran liegt es nicht: Die Unterschiede bleiben bestehen, wenn wir die Stadienverteilung berücksichtigen.“ In den sozioökonomisch schwächeren Landkreisen, das sei eine Erklärungsmöglichkeit, könnten spezialisierte Behandlungszentren schlechter erreichbar sein oder weniger Plätze anbieten.

Auch wenn die Methoden zum Messen der Ergebnisqualität in der Onkologie noch weiterentwickelt werden: Die Studie ist wertvoll und zukunftsweisend zugleich. Sie deutet darauf hin, dass es viele beeinflussbare Faktoren nicht nur für die Entstehung von Malignomen, sondern auch für die Behandlung gibt und ihr Potenzial zur Verbesserung der Prognose der Patienten hoch ist: Es ließe sich unmittelbar nutzen, schon heute. Eine Thematik, über die der Deutsche Krebskongress, der in wenigen Tagen in Berlin beginnt, diskutieren wird.

Anzeige

Die neuen Daten geben außerdem einen Ausblick darauf, wie groß die bislang in Deutschland nicht ausgeschöpfte Forschungsressource „Krebsregister“ ist. Erst seit 2009 fließen die epidemiologischen Daten aller Landeskrebsregister zentral am Robert-Koch-Institut in Berlin zusammen. Im vergangenen Jahr wurde die gesetzliche Basis für die verbindliche klinische Krebsregistrierung gelegt. Es werden nun – endlich – detaillierte Daten zu Therapie und Verlauf von Krebserkrankungen erfasst, die Aufschluss darüber geben werden, ob neue Therapieformen den Patienten das bringen werden, was sich die Onkologen für die Zukunft erhoffen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze, Medizinjournalistin in Köln
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze, Medizinjournalistin in Köln

Die Zahl der Malignomdiagnosen wird weiter zunehmen, auch wegen der demografischen Entwicklung. Für das laufende Jahr rechnen Epidemiologen mit circa einer halben Million Krebsneuerkrankungen. Um den Versorgungsbedarf zu decken, müssten nach Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) bis 2020 circa 50 Prozent mehr Onkologen und Hämatologen zur Verfügung stehen. „Wir sind erstaunt, dass die Politik das Problem vor allem in ländlichen Regionen kaum wahrnimmt und immer wieder die Schließung onkologischer Institute erwägt“, meint Prof. Dr. med. Mathias Freund aus Berlin, Geschäftsführer der DGHO.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) sagte kürzlich: „Die Krebsbekämpfung ist eine gesundheitspolitische Herausforderung ersten Ranges.“ Das Statement ruft geradezu nach Aktivitäten.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Medizinjournalistin in Köln

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema