ArchivDeutsches Ärzteblatt20/1996Chinas Gesundheitswesen: Zwischen Taiji und Herztransplantation

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Chinas Gesundheitswesen: Zwischen Taiji und Herztransplantation

Nikol, Sigrid

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LNSLNS Es ist eine Besonderheit des chinesischen Gesundheitswesens, daß dort die moderne "Schulmedizin" und traditionelle chinesische Heilmethoden anerkannt nebeneinander bestehen. Patienten werden entweder in traditionellen Krankenhäusern oder in Kliniken nach westlichem Vorbild behandelt. Beide medizinischen Richtungen sollen sich gegenseitig ergänzen. Dr. med. Sigrid Nikol berichtet über den medizinischen Alltag, den sie während einer China-Reise kennenlernte.


Für die ärztliche Ausbildung gibt es in China zwei getrennte Studiengänge: einen, der die modernen Methoden der westlichen Schulmedizin vermittelt, und einen für die traditionelle Medizin, die teilweise konservativmedikamentöse Methoden der westlichen Medizin einbezogen hat. Beide Systeme sollen sich gegenseitig ergänzen. Bei der Versorgung von Akuterkrankungen gilt die westliche Medizin als überlegen, während bei chronischen Erkrankungen der traditionellen Medizin der Vorzug gegeben wird.
Die traditionelle Medizin hat sich im Laufe von 5 000 Jahren entwickelt und verfügt über ihre eigene Pharmakologie, eigene Ernährungs- und Erholungsmethoden. Bekannt sind vor allem die traditionellen Fitneßübungen: Oft trifft man in China auf Menschen, die in öffentlichen Parks eigenartige Körperübungen machen, von denen niemand aus der Bevölkerung besondere Notiz zu nehmen scheint. Dem liegt die Theorie des Taiji zugrunde, der "Essenz, aus der die materielle Welt geformt ist". Sie wird kombiniert mit Boxübungen, Schwertspielen oder Qigong. Qigong ist Teil der traditionellen chinesischen Medizin mit Übungen für Körper und Geist. Es vereint die Prinzipien des Buddhismus, des Taoismus, des Konfuzianismus, der alten Kriegskunst und der Medizin. Faszinierend ist Shanghai kurz nach Sonnenaufgang, wenn sich jedes Straßengeländer, jede Bank in ein Übungsgerät verwandelt und auf der Uferpromenade einzelne Gruppen zusammenkommen, um ihre Taiji-Übungen zu absolvieren.


Arzneien aus Käferhüllen und Schlangenhäuten
Das Herzstück eines traditionellen chinesischen Krankenhauses ist die Apotheke. Sorgfältig in die vielen hölzernen Schubladen einsortiert, finden sich dort seltene Baumrinden, Schlangenhäute, zermahlene Perlen, getrocknete Plazenta oder Chitinhüllen von Käfern. Dutzende von Apothekenhelfern sind täglich damit beschäftigt, Mischungen von fein abgewogenen Mengen dieser Arzneien nach den Rezepten der Ärzte zusammenzustellen. Aus den meisten Substanzen werden therapeutische Tees zubereitet, mit denen chronische oder als unheilbar geltende Krankheiten behandelt werden.
Die meisten traditionellen Krankenhäuser haben getrennte Behandlungsräume für Akupunktur, die Therapie mit Saugnäpfen (Moxibustion), für die Diätberatung und telekinetische Untersuchungen (Diagnosestellung durch Kräfteübertragung). Sie ziehen Hospitanten aus aller Welt an, die sich gegen eine Studiengebühr von rund 1 000 Dollar im Monat in die chinesische Heilkunst einweihen lassen. Mittlerweile bieten westliche Reiseveranstalter Programme für Ärzte an, die innerhalb weniger Wochen Grundkenntnisse in der traditionellen Medizin erwerben wollen. Auch sonstige Interessenten können ihre China-Reise mit Kursen über klassische chinesische Gesundheits-übungen und Diätberatungen anreichern.
Während die östliche Medizin in der westlichen Welt zunehmend Interesse und Anerkennung findet – die Akupunktur erhielt 1994 eine eigene Ziffer in der GOÄ –, verfügen vor allem die größeren Krankenhäuser der chinesischen Provinzhauptstädte über viele Möglichkeiten der westlichen Medizin. Es ist eines der Ziele chinesischer Gesundheitspolitik, mit dem Standard der westlichen Medizin Schritt zu halten. Seit der Gründung der Volksrepublik China im Jahre 1949 sank die Kindersterblichkeit deutlich von 200 auf derzeit 35 Todesfälle pro 1 000 Lebendgeburten. Die Lebenserwartung stieg von durchschnittlich 31 auf 68 Jahre. Infektionskrankheiten, die früher häufigste Todesursache waren, rangieren jetzt an neunter Stelle, und die Impfrate von Kindern unter einem Jahr liegt mittlerweile bei 85 Prozent.


Herz-Kreislauf-Erkrankungen nehmen zu
Allerdings gewinnen kardiovaskuläre Erkrankungen für Morbidität und Mortalität zunehmend an Bedeutung. Das liegt unter anderem am weitverbreiteten Zigarettenkonsum. Ein Großteil der Gesundheitsausgaben von 1994 und 1995 diente dazu, die Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen zu verbessern. In den meisten größeren Städten gibt es mittlerweile Herzkathetermeßplätze, die entweder von Radiologen oder Kardiologen bedient werden. Die Zahl der Untersuchungen und der kardiologischen Interventionen, allen voran die Ballondilatation, ist allerdings noch relativ klein. Oft werden pro Kathetermeßplatz nur rund 20 Untersuchungen im Jahr vorgenommen. Noch ist auch die Zahl der Ärzte gering, die in den modernen Methoden ausgebildet sind. Die Ausbildung von interventionellen Kardiologen wird jedoch gefördert. Beispielsweise gibt es zahlreiche Partnerschaften mit ausländischen Krankenhäusern und einen regen Austausch von Ärzten.
Die kardiologischen Einrichtungen stammen überwiegend von westlichen Firmen, ebenso wie das Monitoring der Intensivstationen. Für elektive Eingriffe und kardiologische Notfälle stehen auch herzchirurgische Einrichtungen zur Verfügung. Allerdings können sich nicht alle Bevölkerungsschichten diese teuren Operationen leisten. In China produzierte Medikamente, Technologien und Verbrauchsmittel wie Herzklappen verringern jedoch zunehmend die Abhängigkeit von teurerem importierten Material. Selbst Organtransplantationen sind bereits Routine. Einige Forschungslabors, vor allem die der Universität Peking, sind mit modernen Geräten ausgestattet, die meist durch US-amerikanische Spenden- und Stiftungsgelder finanziert werden. Die Ausrüstung der Labors erlaubt molekularbiologische Untersuchungen und GentherapieVersuche. Viele junge chinesische Wissenschaftler sind sehr daran interessiert, auch im Ausland wissenschaftliche Erfahrungen zu sammeln. Das scheitert jedoch häufig an den eingeschränkten Fördermöglichkeiten.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-1326–1328
[Heft 20]


Anschrift der Verfasserin:
Dr. med. Sigrid Nikol
Klinikum Großhadern
Medizinische Klinik I
Marchioninistraße 15
81377 München

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