ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2014Industrialisierte Softwareentwicklung: IT-Baukasten für Kliniken

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Industrialisierte Softwareentwicklung: IT-Baukasten für Kliniken

Dtsch Arztebl 2014; 111(8): [2]

Kreis, Torsten

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Foto: picture alliance
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Mit zunehmender Verschmelzung von Medizin und IT werden besondere Softwarelösungen benötigt.

Viele Prozesse im Krankenhaus sind ohne technische Unterstützung nicht mehr denkbar. Die Auswertung von Ergebnissen der Computertomographen ist ohne leistungsfähige Software nicht möglich. Die elektronische Krankenakte oder eine IT-gestützte Patientenverwaltung benötigen maßgeschneiderte Lösungen. Doch die Krankenhaus-IT ist in keinem guten Zustand. In den 90er Jahren haben viele Kliniken angefangen, große Standardsoftwarelösungen einzuführen und miteinander zu koppeln. Diese sind zu regelrechten Wartungsmonstern herangewachsen, dabei wird oft nicht einmal die Hälfte der Funktionen genutzt. Weder Softwarehersteller noch Kliniken sind derzeit wirtschaftlich in der Lage, daran viel zu ändern. Wartungsarbeiten lohnen sich für die Hersteller oft nicht mehr. Dafür fließt viel Energie in Lösungsansätze, wie die großen Systeme miteinander kommunizieren können.

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Anstatt den Blick auf die veralteten IT-Systeme zu heften und zu versuchen, diese zu optimieren, sollten Kliniken sich auf lohnendere Projekte konzentrieren und so nebenbei Betriebskosten senken. Diese neuen Ansätze konzentrieren sich nicht auf die großen IT-Systeme, sondern auf besonders wirtschaftliche Teillösungen. So können Elemente der IT in ein klinikinternes Intranet, eine private Cloud, verlagert werden. Neben der internen Bereitstellung können Cloud-Dienste auch eingekauft werden. Statt große Beträge in die Anschaffung eigener IT-Ausstattung zu investieren, die über viele Jahre wechselnden Anforderungen genügen muss, kann über Cloud Computing flexibel Kapazität eingekauft werden. Damit lassen sich Investitions- und Betriebskosten sparen.

Schnelle Entwicklung

Eine weitere Handlungsalternative: Mit industrialisierter Softwareentwicklung lassen sich 50 Prozent und mehr der Projektkosten einsparen, das zeigen Benchmarks. Diese industrielle Softwareentwicklung basiert auf der Methode des „Rapid Prototyping“.

Software zur Unterstützung von medizinischen Geräten, klinischen PC-Arbeitsplätzen oder der Ambulanz kann schon während der Programmierung beurteilt und sofort verbessert werden. Statt Ressourcen in administrative Prozesse und eine konzeptionelle Projektphase zu stecken, kann parallel gearbeitet werden. Während das Konzept für die neue Klinik-Software entwickelt wird, kann die Klinikleitung bereits eingreifen, und Ärzte können die geplante Software frühzeitig auf ihre Praxistauglichkeit prüfen.

Ein Beispiel ist eine Neuorganisation oder der Neubau eines Ambulanzzentrums, bei dem die Kommunikation und das Patientenmanagement über IT gelöst werden müssen. Im alten Vorgehen würden Monate mit der Anpassung einer bestehenden oder der Programmierung einer neuen Software und deren Implementierung vergehen. Mit dem schnellen Rapid Prototyping kann ein IT-Prototyp bereits nach vier Wochen fertig sein, und es kann sofort mit der Schulung der Ambulanzmitarbeiter begonnen werden.

Die Softwarefabrik schafft eine angepasste Lösung, die dann als Unternehmensstandard sofort verfügbar ist. Gleichzeitig ist diese Lösung in ihrer Architektur offen und flexibel einsetzbar. Diese Methode eignet sich vor allem für neue und innovative Lösungen, für die die alten IT-Systeme nicht geschaffen wurden und die für Cloud-Dienste zu starr sind. Softwarefabriken können mit Rapid Prototyping ähnlich einer Autoproduktion auch im medizinischen Umfeld schnell bereits bewährte Teile der IT dynamisch zusammensetzen.

Ein Beispiel ist die Steria Software Factory for SAP® Applications©, ein softwareunabhängiges Metamodell zur vollständigen Abbildung einfacher und komplexer Geschäftsapplikationen. Als Alternative kommen andere Anbieter von Business Process Management-Lösungen infrage wie Metasonic, Signavio oder DHC. Kliniken ermöglichen solche Softwarefabriken zum Beispiel eine IT-gestützte Zusammenfassung von Leistungsbereichen, etwa zur Ambulanzsteuerung, oder das schnelle Reagieren auf rechtliche Anforderungen, wie etwa im Personalbereich oder den Leistungsbereichen. Wenn eine Klinik ihre Ambulanzen in einem Center zusammenfassen will, kann mit Hilfe der Softwarefabrik innerhalb weniger Wochen ein hauseigenes Shared-Service-Center in Betrieb genommen werden.

Von der IT-Arbeitsteilung zum Generalisten

Die Vorteile einer modernen Softwarefabrik liegen vor allem darin, dass mit den heutigen Oberflächen auch weniger IT-affine Ärzte, Pfleger oder Klinikleiter nicht überfordert werden. Mit einer Softwarefabrik lässt sich für den klinischen IT-Arbeitsplatz in kürzester Zeit ein übersichtliches Cockpit gestalten, das die gesuchten Informationen auf einen Blick präsentiert. Auf Basis einer industriellen Software aus der Fabrik lassen sich auch Patientendaten und Bilder mit klinischem Wissen folgerichtig kombinieren, damit Ärzte schnell Ergebnisse und Diagnosen ableiten können.

Zusätzlich verbessert eine solche Entwicklungsplattform die Akzeptanz bei den Mitarbeitern. Die Zufriedenheit der Anwender steigt, weil Softwareoberflächen schnell benutzerfreundlich angepasst werden können und weil bereits während der Entwicklung Verbesserungen sichtbar sind. Schulungen entfallen oder werden effizienter, denn die komplexen Prozesse lassen sich auf einer benutzerfreundlichen Oberfläche in Form von Metadaten beschreiben und werden so auch für IT-affine Fachanwender nachvollziehbar. Denn entgegen dem Arbeitsteilungstrend liegt die Zukunft viel eher in Fachanwendern, die mit einer einfach zu bedienenden IT selbstständig umgehen können.

Eine schnelle Anwendungserstellung widerlegt auch die neueste Fehlentwicklung: die Delegation von berufsgruppenübergreifenden Aufgaben. Zu dieser Arbeitsteilung gehört auch, dass sich IT-affine und speziell ausgebildete Fachkräfte auf das Patientenmanagement in den IT-Systemen konzentrieren, während andere Fachkräfte sich auf die medizinische Leistungserbringung in neuen Aufgabenprofilen konzentrieren. IT wird im Krankenhaus somit zum Hauptberuf für einige wenige, während sich andere aus diesem technischen Thema heraushalten. So tritt häufiger das Problem auf, das Ärzte eine bestimmte Software oder Anwendung benötigen, diese aber erst mit Umweg über die IT-Abteilung erhalten. Diese Umwege sind nicht nötig, wenn auch der Arzt oder Pflegeleiter die Software begreifen, selbst regeln oder schnell spezifisch anpassen können.

Softwareentwicklung im Krankenhaus wird effizienter und effektiver ablaufen müssen, ganz ähnlich dem industriellen Fertigungsprozess. Dafür werden IT-Werkstätten als Plattform gebraucht. Diese müssen in der Automatisierung, Standardisierung, Wiederholbarkeit, Spezialisierung und Komponentenproduktion ähnlich einer Fabrikfertigung umgesetzt sein. Mit einer solchen Softwarefertigung kann eine Klinik den Herausforderungen des demografischen Wandels, dem Fachkräftemangel und dem wirtschaftlichen Druck trotzen.

Torsten Kreis, Steria Mummert Consulting

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