ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2014Sterbehilfe: Den Wertepluralismus anerkennen
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Nachdem der Deutsche Ärztetag bereits 2011 beschlossen hat, dass allen Ärzten in Deutschland die Unterstützung bei der Selbsttötung von Patienten verboten werden soll, fordert nun auch der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin in seinen aktuellen „Reflexionen“ ein berufsrechtliches Verbot. Gleichzeitig kündigt der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter eine neue fraktionsübergreifende Gesetzesinitiative an, die jede Form von Vereinen oder Zusammenschlüssen von Betroffenen und Bürgern zur Unterstützung bei der Selbsttötung verbieten soll.

Patienten können in Deutschland demnach kaum mit ärztlicher Hilfe rechnen, und auch jede Form organisierter Selbsthilfe soll nun gesetzlich verboten werden. Dabei zeigen Umfragen sowohl in der Bevölkerung als auch bei Ärzten (einschließlich Palliativmedizinern) unterschiedliche Werthaltungen zur ärztlichen Hilfe bei der Selbsttötung von schwer kranken Patienten. Der Versuch, ethisch kontroverse existenzielle Lebensentscheidungen mittels gesetzlicher Verbote zu regeln, geht an den offenkundig bestehenden Herausforderungen, die bei der Betreuung von Menschen in der letzten Lebensphase bestehen, vorbei. Vielmehr sollte die Ärzteschaft einschließlich der Palliativmedizin den bestehenden Wertepluralismus, wie er auch in den unterschiedlichen berufsrechtlichen Regelungen der Lan­des­ärz­te­kam­mern zum Ausdruck kommt, anerkennen und Patienten in den seltenen und schwierigen ethischen Dilemmasituationen ermöglichen, sich mit ärztlicher Hilfe selbst zu töten.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Jochen Vollmann,
Dr. iur. Tanja Henking,
LL.M.,
Dr. med. Jakov Gather, M.A.,
Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin, Ruhr-Universität Bochum, 44799 Bochum

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advokatus diaboli
am Freitag, 21. Februar 2014, 08:42

Keine „Zwangsethisierung“ der deutschen Ärzteschaft!

Ohne Frage gilt es, hierzulande den Pluralismus von Werten zu akzeptieren und da ist und bleibt in erster Linie die BÄK aufgefordert, ihren neopaternalistischen Weg zu verlassen und ein Stück weit mehr für die frei verantwortliche Gewissensentscheidung ihrer Kolleginnen und Kollegen einzutreten, mal ganz davon abgesehen, dass die BÄK hierzu aus verfassungsrechtlicher Sicht auch verpflichtet ist!

Dass die DGP mit ihrem Wunsch, ein flächendeckendes Verbot in den ärztlichen Berufsordnungen einführen zu wollen, zugleich auch dokumentiert, die Gewissensentscheidung anderer Ärztinnen und Ärzte nicht respektieren zu können, ist eine „ethische Bankrotterklärung aller ersten Ranges“, schwingt sich doch neben der BÄK zugleich auch die DGP zur „ethischen Zuchtmeisterin“ der Ärzteschaft auf, ohne hierbei verinnerlicht zu haben, dass der Arzt nach den geltenden Berufsordnungen bei seiner Berufsausübung primär auf seine ethische Wert- und damit Grundhaltung verwiesen wird.

Sowohl die BÄK als auch die DGP haben neben den ideologiebehafteten „Lebensschützerfraktionen“ den Blick für die „ethische“ Realität einstweilen verloren und es wäre dringend erforderlich, den Blick für das Wesentliche in der Debatte zu schärfen. Ob dies gelingt, hängt maßgeblich davon ab, dass die führenden Apologeten einer „hippokratisch genehmen Sterbekultur“ sich von der Mär eines „Grundgesetzes der ärztlichen Sittlichkeit“ und damit von der Vorstellung, die ethisch und moralisch integeren Ärzte zu sein, verabschieden.

Dem ist allerdings derzeit nicht so, wie sich unschwer aus der Debatte um die Liberalisierung der ärztlichen Suizidassistenz ablesen lässt und es ist hohe Zeit, dass auf die Vorstellung eines „einheitlichen Arztethos“ bei der Sterbehilfe verzichtet wird.

Das ärztliche Gewissen sollte weder von den Ärztefunktionären noch vom parlamentarischen Gesetzgeber gebeugt werden, so dass die Kollegenschaft in ihre wohlverstandene ethische Freiheit (!) wieder entlassen wird.

Gerade dem Präsidenten der BÄK stände gut zu Gesichte, hier einen Umdenkungsprozess einzuleiten, nach dem er zur Einsicht gelangt ist, dass seine individuelle Gewissensentscheidung respektiert, aber nicht (!) eine anders lautende seiner Kolleginnen und Kollegen ersetzen, geschweige denn als „unethisch“ diskreditiert wird.

Die unvermindert starrköpfige Haltung namhafter Ärztefunktionäre in der Debatte ist ein Beleg dafür, dass diese den Wert von Grundrechten in der Debatte nach wie vor nicht erkannt haben und überdies der gefährlichen Illusion erlegen sind, eine ethische und moralische Werthaltung eines gesamten Berufsstandes mit einem Verbot präjudizieren zu können, in der die Kollegenschaft (und große Teile der Gesellschaft) scheinbar von einem Verfall der guten ärztlichen Ethik infiziert ist.

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