ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2014Burn-Out: Innenansichten

THEMEN DER ZEIT

Burn-Out: Innenansichten

Dtsch Arztebl 2014; 111(8): A-302 / B-259 / C-247

Voß, Burkhard

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Dr. med. Burkhard Voß, Neurologe
Dr. med. Burkhard Voß, Neurologe

Neulich in der Buchhandlung. Dort hat die Ratgeberliteratur offensichtlich den größten Raum erobert. Wie ich in einem Burn-out-Ratgeber nachlesen kann, habe ich offensichtlich ein 20-jähriges Jubiläum, von dem ich bisher noch nichts wusste. Denn schon 1993/94 hatte ich die klassischen Symptome eines beginnenden Burn-outs. Warnsymptome: Ich nahm Arbeit mit nach Hause, diktierte Arztbriefe an den Wochenenden, konnte schlecht ruhig auf einem Stuhl sitzen, hatte das Gefühl, nie Zeit zu haben, verleugnete meine eigenen Bedürfnisse, und meine sozialen Kontakte beschränkten sich überwiegend auf Patienten. Innerlich unruhig und nervös war ich sowieso, zeitweise kamen sogar Schlafstörungen hinzu. Erste Fehlleistungen kamen auf. Ich ging zu keinem Therapeuten, so etwas wie einen Coach gab es damals noch nicht, und wenn doch, wäre ich auch dort nicht hingegangen.

Nach der Ratgeberliteratur von heute müsste ich mich umgebracht haben, chronisch depressiv geworden sein oder zumindest eine negative Einstellung zum Leben haben. Habe ich aber nicht. Wahrscheinlich, weil ich alles verdrängt oder die Supervision nach meiner Psychotherapieausbildung nicht fortgeführt habe. Oder ist vielleicht an dem ganzen Burn-out-Gerede irgendetwas faul – gerade weil es so häufig thematisiert und kommuniziert wird? Und Kommunikation über die Wirklichkeit ist ein hoch störungsanfälliger Prozess.

Anzeige

Wer wüsste das besser als Paul Watzlawick, Philosoph und Psychotherapeut. In seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ beschreibt er eine merkwürdige Epidemie in der US-Stadt Seattle. Gegen Ende der 1950er Jahre stellten dort immer mehr Autobesitzer fest, dass ihre Windschutzscheiben von kleinen Pocken oder Kratzern übersät waren. Das Phänomen nahm so rasch überhand, dass eine Kommission die Hintergründe klären sollte. Zunächst fand man heraus, dass über die Schäden der Windschutzscheiben zwei Theorien im Umlauf waren: Die eine machte russische Atomtests verantwortlich, deren Fallout diese Kratzer hervorrief. Die andere sah in frisch asphaltierten Autobahnen die Ursache.

In Wirklichkeit war es durch die Berichte über pockenartige Windschutzscheiben zu einem Massenphänomen gekommen: Immer mehr Autofahrer untersuchten ihre Scheiben, indem sie sich von außen über diese beugten und sie aus kürzester Entfernung prüften, statt wie bisher einfach durch die Scheiben die Umwelt zu beobachten. Es war keine Epidemie geschädigter, sondern angestarrter Windschutzscheiben.

Dieser scharfe Blick nach außen führt nach innen gerichtet zu Verzerrungen, die eine Fülle von Fehlwahrnehmungen bereithalten – besonders in einem Zeitalter der Reflexion, in dem Spüren, Nachspüren, Entspannen, Wohlfühlen und die existenzielle Frage „Tut mir das jetzt gut?“ zur allgemeinen Leitmelodie geworden sind. In anderen europäischen Ländern gibt es diesen Burn-out-Rummel nicht. Ob die Deutschen die Welt nicht so sehen, wie sie ist, wie es mal ein Jungianer behauptet hat – wer weiß. Aber vielleicht ist es ja genau umgekehrt, und die Menschen in der gegenwärtigen Epoche sind erstmals seit der Geschichtsschreibung mit Stress, der anthropologischen Zumutung schlechthin, konfrontiert. Was sind dagegen schon Seuchen, Kriege und Naturkatastrophen der Vergangenheit.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #683178
JamesCook
am Freitag, 25. April 2014, 11:26

Website PSYCHOGEPLAUDER über Burner und Burnouter

Vollkommen richtig, sehr gut.
Lesen Sie hierzu auch mal die Glosse über Burner und Burnouter auf der Webseite mit Eingabe PSYCHOGEPLAUDER, sehr zu empfehlen!
www.psychogepauder.blogspot.com

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema