ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2014Das Gespräch mit Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Das ist purer Zynismus“

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer: „Das ist purer Zynismus“

Dtsch Arztebl 2014; 111(8): A-295 / B-256 / C-244

Bühring, Petra

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Die psychotherapeutische Versorgung müsse grundsätzlich reformiert werden, findet Rainer Richter. Doch die Vorschläge des GKV-Spitzenverbandes gingen an den wahren Problemen vorbei.

Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata

Erstmals ist die Versorgung psychisch kranker Menschen und deren langes Warten auf einen Therapieplatz Thema eines Koalitionsvertrags. Auch der GKV-Spitzenverband hat Ende vergangenen Jahres zahlreiche Vorschläge zur Reform der psychotherapeutischen Versorgung vorgelegt.

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Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) weist seit Jahren mit diversen Studien auf die Versorgungsprobleme hin. Entsprechend erfreut ist Kammerpräsident Prof. Dr. Rainer Richter, „dass das Thema endlich in der Politik angekommen ist“. Es sei höchste Zeit, etwas zu tun, sagte er im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Denn allein die Neuberentungen aufgrund psychischer Erkrankungen hätten sich in den letzten 14 Jahren nahezu verdoppelt. „Das schafft enormes Leid und kostet immenses Geld“, so Richter. Oftmals könne mit einer Psychotherapie gegengesteuert werden.

Der Vorschlag von Koalition und GKV-Spitzenverband, die Kurzzeittherapie zu fördern, um mehr Hilfesuchende in eine Therapie zu bringen, geht für Richter am Problem vorbei: Schon jetzt hätten zwei Drittel aller Behandlungen nur einen Umfang von bis zu 25 Stunden. „Werden Patienten noch kürzer behandelt, werden wir immer häufiger denselben unerwünschten Drehtüreffekt erleben, den wir schon aus dem stationären Bereich kennen.“ Die wirklichen Versorgungsprobleme lägen woanders. Wichtig sei zum Beispiel, dass der Behandlungspfad nicht unterbrochen werde, wenn der Hausarzt bei einer Verdachtsdiagnose empfiehlt, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. „Bei Wartezeiten von drei Monaten und länger springt die Hälfte der Patienten ab, kommt nie in einer Therapie an und chronifiziert“, kritisiert Richter. Eine Lösung könnten „offene“ Sprechstunden sein, die der Therapeut zum Beispiel an einem Vormittag in der Woche anbietet und in denen er abklärt, ob eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt. Manchmal reiche auch eine Familien- oder Paarberatung aus. Bei dem Vorschlag der Krankenkassen, „orientierende“ Sprechstunden einzuführen, „schwingt mit, dass Therapeuten bisher keine Orientierung im System anbieten – und das ist falsch“, sagt Richter. Wichtig sei, eine offene Sprechstunde über eine Pauschale zu vergüten.

Um die Versorgung grundsätzlich zu verbessern, bedarf es nach Ansicht der BPtK mehr Therapeutensitze: „Wir brauchen deutlich mehr Psychotherapeuten“, fordert Richter. Der Nachwuchs sei vorhanden. Vor allem aber müssten am Bedarf orientierte Strukturen eingeführt werden: aufsuchende Hilfen für Patienten mit schweren Beeinträchtigungen und komplexem Behandlungsbedarf zum Beispiel. „Die Hälfte derjenigen, die hier Hilfe benötigen, geht in keine Praxis.“ Auch dafür brauche der Therapeut eine angemessene Vergütung.

Sowohl Regierung als auch Kassen beabsichtigen, die Gruppentherapie zu fördern, damit mehr Betroffene in Therapie kommen. „Das ist zu begrüßen“, sagt der BPtK-Präsident. Das Problem sei aber nicht, dass zu wenig Therapeuten Abrechnungsgenehmigungen dafür hätten, „sondern dass der bürokratische Aufwand viel zu groß ist“. Man müsse für jeden einzelnen einen Antrag auf Genehmigung der Therapie schreiben. Sinnvoll sei ein Antrag für die ganze Gruppe oder der Wegfall der Berichtspflicht. „Die Kassen weigern sich seit Jahren, das zu ändern“, kritisiert er.

Der Vorschlag des GKV-Spitzenverbandes, nach den ersten zwölf Stunden Psychotherapie eine „Reflexionsphase“ von sechs Wochen einzuführen, bevor die Therapie weitergehen kann, regt den sonst ausgeglichenen BPtK-Präsidenten auf: „Das ist purer Zynismus. Stellen Sie sich vor, bei Diabetikern würde gefordert, für sechs Wochen einfach mal das Insulin abzusetzen . . .“

Petra Bühring

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