ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2014Von schräg unten: Länger leben

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Länger leben

Dtsch Arztebl 2014; 111(8): [56]

Böhmeke, Thomas

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Es mag wohl an meinem grenzwertigen Untergewicht (BMI 22) liegen, das ich – ganz im Sinne eines Bias – die übergewichtigen Meldungen aus der Wissenschaft beharrlich ignoriert habe: Dicke leben länger. Mea culpa, mea maxima culpa, so muss ich angesichts meiner schrecklichen Taten eingestehen, was habe ich den armen Menschen, die sich schräg statt frontal durch die Zargen meiner Sprechzimmertür (Breite 80 Zentimeter) gezwängt haben, alles angetan! Leben verlängern und Leiden lindern, so lautet doch die Essenz unserer Berufung, der Extrakt unserer Tätigkeit!

Voller Reue gestehe ich, dass jegliche Form der Korpulenz sein Fett von mir wegbekommen hat. So ist es nur recht, wenn die armen Menschen, die von mir der Zügellosigkeit bezichtigt wurden, sich über meine kurze Restlaufzeit, weil grenzwertig untergewichtig (74 Kilogramm), amüsieren und sich dabei den Gürtel weiter schnallen, um die eigene Prognose üppig zu verlängern. Im Sinne der Katharsis muss ich an dieser Stelle kundtun: Nie enden wollende Garnisonen apokalyptischer Reiterherde habe ich aufgezäumt und gezwungen, den Sprung über das ausufernde Hüftgold zu wagen! Genauso wie sich die Jahresringe meiner Schutzbefohlenen mehrten, habe ich mit abnehmender Rücksicht den kalorischen Verzicht eingeklagt.

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Zerknirscht bekenne ich die vielen, nein, unzähligen Gänge meiner Gängelungen: Zuerst läutete ich die süßen Glocken der Läuterung, versuchte die Versuchten vom Zweck der Diäten, der Freude des Kalorienverzichts zu überzeugen, um nachher festzustellen, dass dies mit „Weg mit Diäten! Freut euch aufs Kalorienvernichten!“ umgedeutet wurde. Niedere Instinkte wie den Spieltrieb ausnutzend, habe ich Wetten auf kommenden Gewichtsverlust abgeschlossen (alle gewonnen). Ich schreckte auch nicht davor zurück, vor meinen übergewichtigen Schutzbefohlenen auf die Knie zu fallen und um freudloses Fasten zu flehen (trug nur zur Erheiterung bei). Schließlich fiel ich dem Zynismus anheim. Ich besorgte mir Kurzzugbinden und schnürte den Brustkorb eines ausufernden Adipösen ein, um ihm einen Geschmack davon zu geben, wie wenig Luft übrig bleibt, wenn das zum Platzen gespannte Abdomen sein Zwerchfell bis zum Halse drückt (war umsonst). Ich schiente seine Knie, um ihm eine Kostprobe zu geben, wie schwierig es ist, sich mit von Zentnerlasten zerriebenen Gelenken fortzubewegen (half auch nichts).

Ich tue hiermit Abbitte und schwöre: Nie wieder werde ich dem Normalgewicht das Wort reden! Wohl den Wohlbeleibten! Mit diesem Vorsatz eile ich in die Sprechstunde. Ein überaus schwergewichtiger Patient quält sich mühevoll schnaufend in mein Sprechzimmer und lässt sich in den Stuhl fallen, dessen Lehnen sich unter der Last beängstigend spreizen. „Ach, Herr Doktor, ich weiß, ich bin zu dick. Es ist einfach furchtbar: Alle Gelenke sind völlig verschlissen, die Wirbelsäule ist kaputt, der Blutdruck eine Katastrophe, der Zucker treibt mich in den Wahnsinn, die Nerven sind am Ende. Ich kann mich überhaupt nicht mehr bewegen, ich komme gar nicht mehr aus der Wohnung heraus, ich kriege keine Luft mehr! Soll ich Ihnen etwas sagen? Das ist kein Leben mehr!“ Danke! Sie haben soeben meinen Tag vergoldet. „Wie das denn?“ Sie haben mich mit meiner eigenen schlechten Prognose versöhnt.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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