ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2014Arzneimittel: „Aufruf des Bestandsmarkts ist wichtig“

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Arzneimittel: „Aufruf des Bestandsmarkts ist wichtig“

Osterloh, Falk

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Union und SPD wollen die Möglichkeit, den Nutzen alter Arzneimittel zu prüfen, aus dem Gesetz streichen. Ihre Begründung: Der Aufwand sei zu hoch. Die Ärzteschaft widerspricht.

Arzneimittelhersteller sollen nach dem Willen von Union und SPD auch in den kommenden vier Jahren die Preise ihrer Produkte nicht erhöhen dürfen. Foto: picture alliance
Arzneimittelhersteller sollen nach dem Willen von Union und SPD auch in den kommenden vier Jahren die Preise ihrer Produkte nicht erhöhen dürfen. Foto: picture alliance

Um den befürchteten Anstieg der Arzneimittelausgaben zu reduzieren, hatten Union und FDP im Jahr 2010 einen Preisstopp für Medikamente verhängt und den Herstellerabschlag für Arzneimittel ohne Festbetrag von sechs auf 16 Prozent angehoben. Aus dem gleichen Grund will die Große Koalition nun das Preismoratorium bis zum Ende des Jahres 2017 fortführen und den Herstellerabschlag auf sieben Prozent festsetzen.

Kontroverse Diskussion

Zudem wollen Union und SPD im 14. SGB V-Änderungsgesetz, das am 20. Februar im Bundestag beraten wird, die im Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) geschaffene Möglichkeit wieder aufheben, auch Arzneimittel aus dem Bestandsmarkt einer Nutzenbewertung zu unterziehen. Dadurch entfalle der administrative Aufwand für die Pharmafirmen wie für die beteiligten Institutionen der Selbstverwaltung, begründen sie. Bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss wurde dieser Plan kontrovers diskutiert.

Sowohl medizinische als auch ökonomische Gründe sprächen für einen Aufruf des Bestandsmarktes, befand der stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Prof. Dr. Eberhard Wille. Da eine notwendig werdende Priorisierung der zu bewertenden Arzneimittel durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) jedoch mit Rechtsunsicherheiten verbunden sei, seien die Pläne der Koalition zwar vertretbar, aber „keine Ideallösung“.

Knapp die Hälfte der bisher bewerteten neuen Arzneimittel hätten keinen deutlichen Mehrwert im Vergleich zur Standardtherapie gehabt, erklärte der unparteiische Vorsitzende des G-BA, Josef Hecken. Dies würde sich auch im Bestandsmarkt so abbilden lassen. Gleichwohl sei der G-BA für ein Ende des Bestandsmarktaufrufs, weil das mit dem Aufruf verfolgte qualitative und finanzielle Ziel mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erreicht werden könne. Problematisch sei bei alten Arzneimitteln zum Beispiel die sehr unübersichtliche Studienlage, so Hecken.

„Viele unnütze Arzneimittel“

Dem widersprach der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Prof. Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig: „Es gibt nur wenige Studien zu alten Arzneimitteln, die wirklich relevante Informationen enthalten. Das ist ja gerade das Problem.“ Nur etwa ein bis zwei von zehn Arzneimitteln, die in den vergangenen 15 bis 20 Jahren auf den Markt gekommen sind, hätten einen therapeutischen Fortschritt gebracht. Auf dem Markt gebe es heute viele unnütze Präparate, die viel Geld verschlängen. Das Ende des Bestandsmarktaufrufs bedeute, dass diese Arzneimittel ohne wissenschaftlichen Beleg für Jahre als Standard angesehen werden könnten, während ältere Medikamente mit nachgewiesenem Nutzen ihre Stellung verlören.

„Statt den außerordentlich wichtigen Aufruf des Bestandsmarkts nicht aus inhaltlichen, sondern aus juristischen Gründen zu beenden“, so Ludwig, „sollte sich der Gesetzgeber lieber Gedanken darüber machen, wie eine Bewertung alter Arzneimittel auch juristisch haltbar ist.“

Falk Osterloh

Weitere Regelungen

  • Mit dem 14. SGB V-Änderungsgesetz soll der G-BA auch damit beauftragt werden, erstmals zum 30. September 2014 eine Liste mit Arzneimitteln zu erstellen, die Apotheker im Rahmen von Rabattverträgen nicht durch andere Medikamente austauschen dürfen.
  • Es wird klargestellt, dass die Wirtschaftlichkeit eines neuen Arzneimittels für alle zugelassenen Anwendungsgebiete als erwiesen gilt, sobald GKV-Spitzenverband und Hersteller im Rahmen des AMNOG-Verfahrens einen Erstattungsbetrag ausgehandelt haben. Die Vertragspartner können jedoch auch festlegen, das eine Wirtschaftlichkeit nur bei bestimmten Anwendungsgebieten gilt.

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