ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2014Interview mit Dipl.-Psych. Prof. Dr. phil. Wolfgang M. George, TransMIT-Projektbereich für Versorgungsforschung und Beratung: „Zum Teil sehr erfreuliche Entwicklungen“

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Interview mit Dipl.-Psych. Prof. Dr. phil. Wolfgang M. George, TransMIT-Projektbereich für Versorgungsforschung und Beratung: „Zum Teil sehr erfreuliche Entwicklungen“

Dtsch Arztebl 2014; 111(9): A-342 / B-298 / C-284

Klinkhammer, Gisela

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Der Gießener Psychologe Wolfgang George hat untersucht, unter welchen Bedingungen Sterbende im Krankenhaus ihre letzten Lebenstage verbringen. Foto: privat
Der Gießener Psychologe Wolfgang George hat untersucht, unter welchen Bedingungen Sterbende im Krankenhaus ihre letzten Lebenstage verbringen. Foto: privat

Pro Jahr sterben mehr als 400 000 Menschen im Krankenhaus. Ärzte und Pflegepersonal wurden für eine Studie befragt, ob dort ein Sterben in Würde möglich ist.

Herr Professor George, Sie haben mehr als 1 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Krankenhäusern zum Thema „Sterben im Krankenhaus“ befragt. Was ziehen Sie für ein Resümee aus den Studienergebnissen?

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Wolfgang M. George: Wenn wir die Ergebnisse richtig interpretieren, können wir feststellen, dass wir Krankenhäuser mit guter, neben solchen mit bedenklicher Versorgungsqualität kennengelernt haben. Es ist auch bemerkenswert, dass oft in einem Bereich A eines Krankenhauses sehr gut gearbeitet wird, während in einem Bereich B derselben Einrichtung die Problemlagen offensichtlich sind.

Sehen Sie große Veränderungen gegenüber Ihrer letzten Studie im Jahr 1988?

George: Natürlich gibt es zum Teil sehr erfreuliche Entwicklungen. Nahezu alle Krankenhäuser verfügen inzwischen über die Möglichkeit, den Angehörigen sterbender Patienten eine eigene Übernachtungsmöglichkeit anzubieten. Die Versorgung sterbender Patienten und die Abschiednahme von den verstorbenen Patienten, ein sehr wichtiger Aspekt, gelingt qualitativ weit besser als noch vor 25 Jahren. Auch die Information der Betroffenen hat sich verbessert.

Was hat Sie bewogen, 25 Jahre nach der ersten Veröffentlichung eine erneute empirische Studie in Auftrag zu geben?

George: Zuallererst ganz sicher der Umstand, dass es nur sehr unvollständige Informationen zur erreichten Versorgungsqualität der Sterbenden in den Krankenhäusern gibt. Wichtig ist es uns aber auch, darauf aufmerksam zu machen, dass das Krankenhaus ein sehr bedeutsamer Ort des Sterbens ist – und auch künftig bleiben wird – und dass sich dieser Ort als keinesfalls prinzipiell ungeeignet darstellt.

Viele Ärzte bemängeln, dass sie in ihrer Ausbildung nicht genügend auf die Versorgung Sterbender vorbereitet wurden. Hätten Sie Verbesserungsvorschläge?

George: Wir hatten mit einer derart harschen Kritik an der Ausbildungssituation von den Ärzten nicht gerechnet, denn natürlich wissen wir, dass bereits in der Vorklinik das Thema behandelt wird. Die Ärzte fordern eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema, eine stärkere Praxisorientierung und nicht zuletzt auch einen besseren Umgang mit der eigenen Betroffenheit. Alles leicht organisierbare Unterstützung, die aber offensichtlich gegenwärtig nur am äußersten Rande der Ausbildung steht.

Auch der Zeitmangel und die verdichtete Arbeitswelt werden kritisiert.

George: Natürlich gibt es eine objektive Verdichtung der Arbeit, und in Bereichen mit hoher menschlicher Belastung sind die Überforderungen programmiert. Wenn dann noch die Ausbildung unzureichend war und Vorbilder fehlen, können die Sterbenden eine angestrebte Krankenhausroutine und Standardisierung der Abläufe stören. Das muss aufgebrochen werden, denn es ist möglich, Sterbenden in allen Versorgungsbereichen einen menschenwürdigen Tod zu ermöglichen.

Wie sehen Sie die Ergebnisse in Hinblick auf die aktuelle Sterbehilfediskussion?

George: Natürlich sind wir in unserem Team unglücklich über die geführte Diskussion. Das Ergebnis einer von der DAK beauftragten Studie, dass annähernd 70 Prozent der deutschen Bevölkerung die aktive Sterbehilfe befürworten, halte ich für nicht wirklich interpretierbar, zumal die Befragten selbst angaben, dass sie nur wenig vom Sachverhalt verstehen. Fragt man kranke und alte Menschen, kommen Sie zu anderen Ergebnissen. Um es kurz zu machen: In mir finden Sie einen Vertreter, der sich für eine bestmögliche Sterbebetreuung ausspricht.

Fordern Sie einen weiteren Ausbau der Palliativmedizin?

George: Man muss ein würdevolles Sterben unabhängig von dem Ort des Sterbens ermöglichen. Ich wünschte mir, die zurückliegenden 25 Jahre wären stärker genutzt worden, um das klug und umsichtig entwickelte palliative Fach- und Betreuungswissen auf die Regelversorgung auszudehnen.

Das Interview führte Gisela Klinkhammer.

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