ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2014Ärztin und Betriebsrätin im Krankenhaus: Spannend, bereichernd, fordernd

POLITIK: Kommentar

Ärztin und Betriebsrätin im Krankenhaus: Spannend, bereichernd, fordernd

Dtsch Arztebl 2014; 111(9): A-338 / B-295 / C-281

Gierke, Ursula von

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Dr. med. Ursula von Gierke, Fachärztin für Innere Medizin, Tropenmedizin, Infektiologie, Städtisches Klinikum Schwabing, StKM
Dr. med. Ursula von Gierke, Fach­ärztin für Innere Medizin, Tropenmedizin, Infektiologie, Städtisches Klinikum Schwabing, StKM

Seit der letzten Wahlperiode (2010–2014) bin ich als Betriebsrätin von ärztlicher Arbeit freigestellt. Direkt nach der Wahl sprach mich ein Kollege an :„Wie kannst Du von einem auf den anderen Tag die ärztliche Arbeit ruhen lassen?“ Diese Frage wurde mir in den vergangenen Jahren wiederholt gestellt, und ich kann sicher sagen, dass ich die angewandte Medizin vermisse. Ja, mir fehlen die Untersuchungen von Patienten, das Erarbeiten der Differenzialdiagnosen und die Beobachtung der Heilungsprozesse. Ich überlege, ob Betriebsratsmitglieder anderer Berufsgruppen auch so oft gefragt werden, ob sie gerne im Betriebsrat sind. Vielleicht wird ja die Betriebsratstätigkeit als unterfordernd für Ärzte angesehen.

Wenn man die Tätigkeit im Betriebsrat ernst nimmt, ist sie spannend, bereichernd und fordernd. Kenntnisse aus dem eigenen Beruf dürfen, ja sollten sogar, in die Aufgabe einfließen. Ärztliches Wissen zu medizinischen Fragen, zu Prozessabläufen und zum Abrechnungswesen kann in Monatsgesprächen mit der Klinikleitung, bei der Stations- und Abteilungsgestaltung, in der Hygienekommission oder beim betrieblichen Wiedereingliederungsmanagement einen wichtigen Beitrag zu vernünftigen Lösungen liefern.

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Der Betriebsrat eröffnet eine Fülle von neuen Erfahrungen und Betätigungsbereichen. So wird die Neugierde hinsichtlich Arbeitsabläufen und Personalien („Was ich seit 20 Jahren schon immer über meinen Arbeitsplatz wissen wollte“) gestillt. Viel wichtiger ist aber, dass mein „Helfersyndrom“ reichlich gefordert wird. Vor der Betriebsratstätigkeit war mir nicht bewusst, wie viele Menschen an ihrer Arbeit leiden – vor allem wegen inadäquater zwischenmenschlicher Beziehungen. Vorwiegend Führungspositionen, wie Pflegedienstleitungen und Chefärzte, scheinen mit großer Einsamkeit und Vereinzelung einherzugehen, und um Gespräche und Rat wird daher oft gebeten. Als Betriebsrätin muss man versuchen, jedem Mitarbeiter unabhängig von seiner fachlichen und hierarchischen Position im Betrieb ein offenes Ohr zu bieten. Häufig finden sich durch Mediationsgespräche Lösungen für alle am Konflikt beteiligten Mitarbeiter.

Schwieriger sind die Fragen zu den momentan knapp gehaltenen Ressourcen im Krankenhausbereich. Zu Beginn meiner Betriebsratstätigkeit drängten die ökonomischen Einschränkungen nicht alle anderen Fragen in den Hintergrund. Inzwischen scheint die Krankenhauslandschaft in Deutschland einen Schrumpfungsprozess nach Maßgabe der Politik durchlaufen zu müssen, der mich an den Bevölkerungsschwund in Dörfern der östlichen Bundesländer erinnert. Zum einen gibt es nicht genug Pflegekräfte, zum anderen nur wenige unbefristete Verträge für Ärzte. Stationen veröden, der Qualifikationsmix wird gesenkt, Gebäude sind sanierungsbedürftig, an Investitionen wird gespart.

Gelegentlich werden Entscheidungen auf der Basis von Mangel getroffen, die Rückentwicklung der angeblich zu vielen Betten nicht überlegt, sondern nach Zufallsprinzip beschlossen. Wie kann hier Betriebsratstätigkeit konstruktiv sein, welche Entscheidungen kann der Betriebsrat dann noch unterstützen, inwiefern kann er mehr als nur vor den Gefahren des medizinischen Qualitätsverlusts warnen?

Unser Handwerkszeug ist in erster Linie das Betriebsverfassungsgesetz, aber auch andere Arbeitsschutzgesetze, wie zum Beispiel Arbeitsstättenverordnung, allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, Mutterschutzgesetz et cetera. Als Betriebsrat sollte man ein hohes Maß an Gerechtigkeitsgefühl und Interesse an der Rechtsprechung haben, Kenntnisse der Arbeitsmedizin sind auch von Vorteil. Besonderen Einsatz erfordert die Durchsetzung des Arbeitszeitgesetzes sowie der jeweilig zutreffenden Tarifverträge hinsichtlich Arbeitszeiten und Dienstplangestaltung. Überschreitung der täglichen Arbeitszeit, zu kurze Ruhezeiten, „Holen aus dem Frei“, Berge von Überstunden werden oft nicht vermieden, bis Erschöpfungszustände bei den Betroffenen eintreten oder Stationen und Abteilungen handlungsunfähig werden. Hier gibt es viel zu tun.

Seit 1952 regelt das Betriebsverfassungsgesetz – in der Tradition des Weimarer Betriebsrätegesetzes bis zur Abschaffung durch die Nationalsozialisten – die Rechte des Betriebsrats hinsichtlich Information, Konsultation und Mitbestimmung und die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ zwischen ihm und der Unternehmensleitung. Die Tätigkeit ist ein Ehrenamt und kann sehr viel zur angenehmen Arbeitsatmosphäre, zur Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit, zur Einhaltung von guten Arbeitsbedingungen und zur gelungenen Teambildung der unterschiedlichen Berufsgruppen im Krankenhaus beitragen. Betriebsrätin zu sein, empfinde ich als Bereicherung zu meinem bisherigen ärztlichen Berufsleben.

Überlegen auch Sie, ob Sie bei der nächsten Betriebsratswahl – in der Zeit vom 1. März bis 31. Mai 2014 – kandidieren! Gehen Sie auf jeden Fall zur Wahl! Wählen Sie Kandidaten, die Ihre Interessen vertreten! Gestalten Sie als Ärzte im Betriebsrat Ihr Krankenhaus! Bringen Sie Menschlichkeit in den ökonomisierten Krankenhausalltag!

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